zwei Personen auf einer Bühne im Begriff sich zu schlagen

Sinnlich-vitales Dokumentartheater

nach Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey: Zerstörungslust

Theater:Theater Paderborn, Premiere:30.10.2026 (UA)Autor(in) der Vorlage:Carolin Amlinger und Oliver NachtweyRegie:Katharina Kreuzhage

Intendantin Katharina Kreuzhage zeigt am Theater Paderborn die Uraufführung von „Zerstörungslust“ nach dem Sachbuch von Carolin Amliger und Oliver Nachtwey. Die Inszenierung arbeitet die Essenz sozialpsychologisch hergeleiteter Rechtsruckgewalt heraus.

Als hätten die Programmplaner:innen des Theaters Paderborn es geahnt. Für Halloween kündigten verunsicherte junge Menschen unter dem Motto „Gen Z regelt“ bundesweite Demonstrationen an. Aber nicht über ihre Zukunftsängste, sondern über Vergleiche mit Frankreich wird geredet, wo entsprechende Schülerproteste in Plünderungen, Chaos, Ausgangssperren mündeten und die Zerstörungslust der politisch linken Szene zugeschrieben wurde. Am Tag bevor nun all das laut Panikmacher:innen nach Deutschland schwappen soll, bringt Paderborns Intendantin Katharina Kreuzhage zum Perspektivwechsel die Auseinandersetzung mit der „Zerstörungslust“ der AfD-Wähler und Reichsbürger zur Uraufführung – als Regisseurin ihrer eigenen Bühnenfassung der gleichnamigen soziologischen Studie von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey.

Zu erleben ist ein Versuch, Dokumentartheater eben nicht in Calle-Fuhr-Manier wie eine Power-Point-Präsentation zu moderieren, sondern die Möglichkeiten des Theaters sinnlich-vital auszukosten. Auch Mitspielangebote nicht zu meiden. Wobei Gegensätze und unbeabsichtigt auch Parallelen in den Begründungen linker und rechter Lust aufs Abfackeln vielleicht sogar des ganzen Staates aufleuchten. Etwa sind Wohlstands-, Fortschritts-, Emanzipationsversprechen und Lebensperspektiven in unserer Gesellschaft allseits ins Wanken geraten. Und küchenpsychologisch entwickelt sich ja schnell Aggression aus Frustration, eigene Wünsche nicht verwirklichen zu können.

„Heute Abend wird es um den Rechtsruck der Gesellschaft gehen“

Im Studio des Theaters Paderborn zusammengerümpelt sind die Spielutensilien des Abends. Im Zentrum hängt eine Brecht-Gardine. Azizè Flittner, Lukas Huber und Max Rohland greifen auch gleich zu einem bekannten V-Effekt und halten Plakate hoch. „Heute Abend wird es um den Rechtsruck der Gesellschaft gehen.“ Und weil das so ein schwieriges Thema sei, sollen alle erstmal aufstehen, sich locker machen. Wer den Eindruck habe, einen Teil der Gesellschaft nicht mehr zu verstehen, aber versuche, diese Differenzen mit Gesprächen zu überbrücken, dürfe sich wieder setzen. Was die meisten tun.

Im Plauderton berichtet das Trio daraufhin aus dem privaten Umfeld, dass man Menschen verdächtige, AfD zu wählen, aber nicht konkret nachfrage, um die Freundschaft zu gefährden. Da hilft die Stückvorlage weiter. „Ein Spiegel-Bestseller, über 400 Seiten dick“, so wird auf der Bühne gestöhnt, gleich mal der eine und andere Hasskommentar aus dem Internet verlautbart. Und es wird die Kritik erwähnt, dass in dem Buch „die Rechten“ als autoritäre Charaktere pathologisiert würden. Dagegen erklären die Spieler:innen wundervoll nachvollziehbar die vom Autorenduo bevorzugte Sichtweise Erich Fromms. Laut ihm wolle der Mensch wachsen, lieben, gestalten und verbunden sein. Wenn er sich aber überflüssig, nicht gesehen, nicht gebraucht, nicht wirksam fühle, könne Lust nach Zerstörung entstehen. Das geschehe als letzte Möglichkeit, sich überhaupt noch wirksam zu fühlen, teils verbunden mit Gewaltfantasien gegen Minderheiten und Eliten. Auf der Bühne geht es aber nun nicht um den Abgleich der Gefühle mit der Realität und den Folgen für die Realität, sondern um Positionierung gegen diese Gefühle.

Auszüge aus Tiefeninterviews

Die Wissenschaftler:innen hatten 2.600 Personen befragt und 41 Tiefeninterviews mit Menschen aus dem rechten Umfeld geführt. Davon werden nun drei in kurzen Auszügen präsentiert. Bei ihrer Vorstellung kommen dissonante Klänge aus den Lautsprechern, während die Spieler:innen zu flotter Mitwippfilmmusik agieren. Zuerst kommt ein ehemaliger CDU-Wähler zu Wort, der nach persönlichen Tiefschlägen denkt, alles gehe eh den Bach runter, da helfe nur noch die AfD.  Seine Aussagen werden vorgelesen und plötzlich mit „Blablabla“ kommentiert. Eine weitere aus dem Off eingespielte Meinung – auf Überbevölkerung müsse mit Auslesemechanismen fürs Überleben der Besten reagiert werden – ist natürlich ungeheuerlich. Deswegen wird der Urheber als „psychisch kranker Faschist“ bezeichnet.

drei Personen auf einer Bühne sitzend mit Kronen auf den Köpfen

Lukas Huber, Azizè Flittner und Max Rohland. Foto: T. Kreft

Dass bei der stets versuchten Rückversicherung im Publikum zu hören ist, immer mehr Menschen auf der Erde seien wirklich ein Problem, wird einfach ignoriert. Und Maria K., die sich durch Corona-Maßnahmen in ihrer Autonomie beschränkt fühlte, wird von Flittner mit leicht ironischem Gestus gespielt. Autonomie wird sogleich abgetan als „ein Traum, eine Illusion, vielleicht nur eine Hoffnung, die notwendigerweise zur Enttäuschung führt, auch zu Wut, Zerstörungswut.“ Dass die AfD-Wählerin in einen Sog gerate, sich „standhaft gegen eine übermächtige Instanz verteidigen zu müssen, die ihr gerade Unrecht tut“, mache sie zum großen Bruder von Michael Kohlhaas. Schon wird die ganze Kohlhaas-Geschichte nacherzählt und apart mit Tassen, Mandarinen und so weiter nachgestellt. Aber der Rosshändler brandschatzt ja nun seit Pegida-Tagen als der gekränkte, rachsüchtige Wutbürger über deutsche Bühnen. So wirkt dieser Verweis hier überflüssig, gerade auch, weil Amlinger/Nachtwey so viel auf- und anregenderen Diskursstoff liefern.

Theatrale Flexibilität und sprachliche Prägnanz

Zum Schluss singen alle den Rechten noch schnell zu: „Haut endlich ab.“ Denn: „We will survive!“ Discolightshow, Glitzerklamotten. Die gelöste Atmosphäre des offen-pluralistischen Lebensgenusses feiern. Da stimmt natürlich jede:r beifallsfreudig zu. Ästhetisch den Eindruck zu erwecken, hier würden locker improvisierte Probenergebnisse vorgeführt, funktioniert auch bestens, da der Kontakt zum Publikum offensiv gesucht und gefunden wird. Obwohl vieles eben präzise inszeniert ist und nicht den kompletten Charme und die Leichtigkeit performativen Miteinanders entwickeln kann. Aber mit welch theatraler Flexibilität und sprachlicher Prägnanz die Essenz, nicht die Recherchetiefe, der sozialpsychologisch hergeleiteten Rechtsruckgewalt herausgearbeitet ist, macht den Abend zu einem sehenswerten und diskussionsanregenden Erlebnis.