Drei Personen auf einer Bühne in einem Wohnungs-Bühnenbild

Im Zweifel für den Angeklagten

Suzie Miller: INTER ALIA

Theater:Düsseldorfer Schauspielhaus, Premiere:31.10.2026 (DE)Regie:Anna Stiepani

Am Düsseldorfer Schauspielhaus inszeniert Anna Stiepani die deutsche Erstaufführung von Suzie Millers „Inter Alia“ in der Übersetzung von Anna Rabe. Stiepani zeigt mit der großartigen Meike Droste in der Hauptrolle eine Richterin, deren justiz-moralischer Kompass bröckelt, als ihr eigener Sohn Harry der Vergewaltigung angeklagt wird.

„Vor Gericht läuft das anders. Nicht schuldig. Das heißt nicht, dass du unschuldig bist. Es bedeutet bloß, dass die Jury nicht sicher sein kann.“ Im Zweifel eben für den Angeklagten. Damit fängt Suzie Miller in ihrem neuen Stück „Inter Alia“ die Wirklichkeit von Richterin Jessica Parks ein. Denn ihr Sohn ist der Vergewaltigung angeklagt. Schließlich entscheidet sie sich für seine Verteidigung und gegen seinen eigenen Wunsch, sich schuldig zu bekennen.

„Inter Alia“ heißt das neue, am Londoner Wyndham’s Theatre uraufgeführte Stück der australischen Autorin, das bedeutet übersetzt „unter anderem“ und richtet sich an Parks‘ Rolle als einerseits Richterin, andererseits Mutter und Ehefrau. Nach Millers letztem Erfolgsstück „Prima Facie“ ist „Inter Alia“ – neben Dorothee Elmigers „Die Holländerinnen“ – erneut das meistinszenierte Stück dieser Spielzeit in Deutschland.

Frau, Richterin und Mutter sein

Während „Prima Facie“ von einer Erfolgs-Anwältin, vor allem in Sachen sexuelle Übergriffe, handelt, verschiebt Miller hier die Perspektive vom Opfer zur Mutter des Angeklagten. Was passiert mit der Figur, die weiß, wie gnadenlos das Gesetz sein kann, sobald ihr eigenes Kind betroffen ist? Dabei setzt sich „Inter Alia“ viel mehr als nur mit der Mutter-Rolle mit weiblichen und männlichen Klischees darüber hinaus auseinander.

Anna Stiepani wählt dafür am Düsseldorfer Schauspielhaus bewusst einen Zugang, der diese Stereotype überhöht, was im Publikum für Lacher sorgt. So trägt Parks Mann Michael (Philipp Hauß) morgens ein T-Shirt mit der Aufschrift „The Future is female“, während seine Frau den Haushalt zu schmeißen scheint. Gleichzeitig ist sich Parks sicher, dass er, der selbst auch Anwalt ist, ihr den Erfolg, vor ihm zur Richterin berufen worden zu sein, in Wahrheit neidet. Sie entschuldigt sich de facto bei ihm dafür, indem sie betont, es seien wohl gerade nur Stellen für Frauen geschaffen worden.

Lebensraum Küche

Das erfolgreiche Ehepaar zeigt Thurid Peine (Bühne und Kostüm) im modernen Wohnhaus. Den Mittelpunkt bildet die Wohnküche, deren freistehende Tresen-Insel mit seitlich angesetzten Stufen zur Richter- oder Karaoke-Bühne umfunktioniert wird. Dieser erhöhte Tresen ist Jessica Parks Freiheits-Raum, dort darf sie brillieren und sich fallen lassen, während sie in der Küche Mann Michael und Sohn Harry hinterherräumt.

Eine Frau läuft auf in die Kulisse eines modern gebauten Hauses auf einer Bühne, im Hintergrund eine Wald-Projektion

Meike Droste als Jessica Parks in der scheinbaren Heim-Idylle. Foto: Sandra Then

Meike Droste erfüllt die Rolle mit großartiger Präsenz, während sie die zwei Stunden ununterbrochen auf der Bühne agiert, am Karaoke-Abend Queens „Don’t stop me now“ ins Mikro grölt und schließlich mehr und mehr im Zwiespalt ihrer richterlichen Erfahrungen mit sexuellen Straftaten und der Situation ihres Sohnes verzweifelt. Ihre Jessica Parks ist eine erfolgreiche Richterin, die diesen Erfolg immer wieder rechtfertigen muss, auch vor sich selbst. Und sie ist hin- und hergerissen zwischen ihrer beruflichen Leidenschaft und wie sie sich in die (von der Gesellschaft erwarteten) Mutterrolle einfügt. Theo Thun spielt Sohn Harry ebenso überzeugend im Erwachsenwerden zwischen elterlicher Erziehung, dem Druck von Schul-Kamerad:innen und dem Manosphere-Einfluss auf Social Media, der männliche Überlegenheit propagiert und Frauen- wie Männerbilder prägt. Harrys Lebensrealität erscheint dadurch ebenso komplex wie die von Opfer Amy, Mutter Parks oder Vater Michael.

Kategorisieren von Komplexität

Was Miller in ihrem Stück fein herausarbeitet, ist der menschliche Hang, Komplexität mit simplen Einordnungen zu vereinfachen. Vor dem juristischen Kontext und der Unterscheidung in entweder schuldig oder unschuldig wirkt diese Minimierung umso fataler. Stiepani findet einen Zugang, durch dessen Überhöhung von Klischees man sich im Publikum ertappt fühlt. Gleichzeitig kann man nicht anders, als mitzufühlen, wenn Parks ihren Sohn erst anschreit und zurückweicht, als sie die Wahrheit erfährt und gleichzeitig durch ihren mütterlichen Instinkt nicht umhin kann, ihn vor Gericht zum Schweigen zu drängen. Im Zweifel eben für den Angeklagten.