Warten auf den Pianisten
Ihr fehlt nicht nur der Pianist, der endlich im Maulwurfkostüm (Kostüme wie Bühne: Jan Bosse und Anne Müller) auftritt, sondern auch der Bühnenvorhang. Schon werden aus dem Bühnenboden Stangen herabgelassen, um darin zwei Vorhangrollen in Rosa zu befestigen. Hochgefahren ergibt sich ein wunderschöner Vorhang: Leute, aufgepasst, das ist alles Theater!
Mit sichtlichem Spaß und Selbstironie greifen Jan Bosse (Regie) und Anne Müller (Spiel) voll in die Trickkiste. So erscheint die Darstellerin aus dem Schnürboden und schwebt als Raumfahrerin über die Szene, so wie sie gegen Ende – nun als Huhn – wieder gen Himmel fährt. Sie zieht wunderschöne Kostüme über, die an den Kammerspielen München und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg gefertigt wurden, bloß, um sie im nächsten Augenblick wieder zu Boden gleiten zu lassen. Am Ende ist die Bühne zugemüllt: eine Tischtennisplatte, die schon während des Spiels den Lesetisch ersetzt hat, eine kleine Orgel, ein kleines weißes Klavier, Kostümteile. Auch die Technik kommt zum Einsatz: Da rast Anne Müller mit einem Bühnenwagen als Rasenmäher über die Bühne oder hebt ein Hubwagen sie in die Höhe.

„Man kann auch in die Höhe fallen“ nach Joachim Meyerhoff am Badischen Staatstheater Karlsruhe mit Anne Müller und Matthias Flake. Foto: Felix Grünschloß
Geschickter Zugriff
Großer Aufwand für einen „Roman“, den Jan Bosse und Anne Müller nach „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (Teil 3) geschickt bearbeiten. Erzählt wird nur kurz dessen Vorgeschichte: der Schlaganfall, das Verlassen Wiens, das Nichthineinfinden in den Kosmos von Berlin, schließlich die Flucht zur Mutter in Schleswig.
Im Zentrum von „Man kann auch in die Höhe fallen“ steht die Hommage an die Mutter, deren Vitalität aus der Perspektive des Sohns bewundernd leuchtet: Alte und neue Geschichten kreuzen sich. Die Wochen voller Whisky, Schwimmen in der Ostsee, Nächte auf dem Dach und Gartenarbeit lassen Meyerhoff am Ende geheilt aus diesem „Paradies“ entschweben. Anne Müller spielt zugleich Sohn und – viel intensiver – die Mutter, die leise Töne bekommt und aus dem sonstigen hohen Sprechtempo herausgenommen scheint.
Als geschickter Zugriff erweist sich, dass Erzählkomplexe bei Meyerhoff in Lieder verwandelt werden, die Matthias Flake nicht nur am Klavier begleitet, sondern auch komponiert hat. Manchmal singt er seine eigenen Songs. Melodien und das Timbre der Stimme erinnern dabei an Reinhard Mey. Durch Songs wie „Hölderlin“, „Kerngesund“, „Spring mal in den Teich“ oder „Wenn ich etwas koche“ wird die Erzählung nicht unterbrochen, sondern vorangetrieben. Eingeschmuggelt wird auch der Song „Paranoid“ von Black Sabbath. Bei dem Lied über die Begegnung der 80-jährigen Mutter mit dem drei Jahre jüngeren Bernhard darf das Publikum das „Bernhard“ mitsingen.
Vom hektischen Vorspiel über die forcierte Übertheatralik bis hin zum Singspiel wird „Man kann auch in die Höhe fallen“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe nicht nur zu einer Hommage an die Mutter, sondern auch zur Hommage an das Theater.
