Die ursprünglich um 1870 angesiedelte Handlung verlagert Ansgar Haag um acht Jahrzehnte nach vorne in die 1950er Jahre. Zentraler Ort ist ein Kulturpalast, der mal als Kino, mal als Gericht dient, dann in der nächsten Szene eine Hochzeitsgesellschaft beherbergt. Gerade letztere bietet Gelegenheit für reichlich Folklore, große Gesten und gehobene Gläser. Dabei sind Themen wie Widerstreit der Religionen und rigide Sexualmoral ja durchaus aktuell – auch wenn diese kasachische Variante von „Romeo und Julia“ arg betulich daherkommt und der sozialistische Realismus unverdrossen zukunftsfroh die Wände in der Richterstube schmückt. Doch in Meiningen spürt man als Zuschauer eine befremdliche Distanz – auch weil die deutsche Übersetzung von Alwina Meissner und Igor Beketov mit ihren auf Gedeih und Verderb gereimten Endsilben eine unfreiwillige Komik in das Stück einbringt. Die sogar noch unnötigerweise in der Übertitelung mitlesbar ist, obgleich das internationale Ensemble des Hauses seine mit viel Pathos versehenen Partien ausgesprochen wortverständlich singt.
Trotz jener Musik aus einer lang vergangenen Zeit, trotz der langen Zöpfe, die buchstäblich immer noch nicht abgeschnitten sind: mit der deutschen Erstaufführung von „Abai“ ist dem Meininger Theater die Brücke vom Westen in den Osten gelungen sein. Ein inhaltlich origineller, künstlerisch aber eher artiger Auftakt.
