Carl Rumstadt trägt den leblosen Vitus Heumüller auf den Armen.

Hölle mit weißer Fassade

Paul Moravec, Mark Campbell: The Shining

Theater:Staatstheater Regensburg, Premiere:09.05.2026 (DE)Vorlage:The ShiningAutor(in) der Vorlage:Stephen KingRegie:Sebastian RitschelMusikalische Leitung:Stefan VeselkaKomponist(in):Paul Moravec

Das Staatstheater Regensburg zeigt die europäische Erstaufführung der Oper „The Shining“. Die Inszenierung von Intendant Sebastian Ritschel besinnt sich zurück auf den psychischen Kern der Romanvorlage von Stephen King. Dabei gibt es weniger abrupte Schreckmomente als in Stanley Kubricks Horrorklassiker. Stattdessen breitet sich das Grauen des Opernabends kontinuierlich im Saal aus und wird so für das Publikum greifbar.

Star der Opernpremiere nach dem Festakt zur Staatstheatererhebung und Eröffnung der 40. Bayerischen Theatertage mit dem Motto „Vielfalt leben“ ist das Bühnenbild von Sam Madwar. Das Laubgrün und die Berge von Colorado leuchten in Madwars Videoprojektionen noch schöner als in Wirklichkeit. Die imposante Fassade des Hotels Doorland dominiert die gesamte Portalbreite des Staatstheaters am Bismarckplatz und fährt wie erdrückend Richtung Rampe. Drehscheibe und Hebebühne ermöglichen Blicke in alle Räume: Heizungskeller, Vorratsdepot, Küche, Schlafzimmer, Bar und Festsaal. Vorhang auf für die europäische Erstaufführung der Oper „The Shining“ – zehn Jahre und zwei Tage nach der Uraufführung in Minnesota am 7. Mai 2016! Die Produktion des Theaters Vorpommern folgt ab 29. Mai.

Opernstoff mit Kultstatus

Der große Nachhall der Fassung für mittelgroßes Orchester beim Publikum erklärt sich auch durch den Kultstatus von Stanley Kubricks Film nach dem Roman von Stephen King. „Shining“ gehört seit der Buchveröffentlichung 1977 zu den ganz großen Horror-Stoffen des 20. und 21. Jahrhunderts. Der Aufenthalt in dem leer stehenden Luxusgebäude, abgerissener Kontakt zur Außenwelt, unheimliche Begegnungen und aufbrechende Besessenheit werden der dreiköpfigen Familie des Hausmeisters zum Verhängnis. Mehr oder weniger drehen sie durch: Vater Jack Torrance, Mutter Wendy, Sohn Danny. Der Stoff ist legendär durch die literarische Quelle, die filmische Umsetzung und deren brillante Darsteller. Auch Paul Moravecs Well-made-Opera macht Eindruck.

Durch die physische Inszenierung wird etwas vollkommen anderes aus dem Plot. Denn bei Kubrick ist die Kamera an gefährlichen Momenten wie bei Jacks die Tür spaltender Axt immer ganz nah dran an dem in der Familie ausbrechenden Irrsinn und Erscheinungen der unter abnormen Umständen ums Leben gekommenen Hotelgäste. Der Schrecken entsteht im Film auch, weil außerhalb des Kamerawinkels das noch größere Entsetzen lauert. Für das Publikum im Staatstheater Regensburg dagegen ist alles sichtbar. Große Räume umfassen sich darin verlierende Menschen.

Familie Torrance steht Hand in Hand vor dem vor ihnen bedrohlich aufragenden Horrorhotel.

Carl Rumstadt, Vitus Heumüller und Theodora Varga spenden sich gegenseitig Trost. Foto: Marie Liebig

Sanft, hart und grell schreiend

Intendant Sebastian Ritschel nutzt in seiner realistisch gedachten Inszenierung alle Angebote des aus wesentlichen Roman-Episoden kompilierten Textes von Mark Campbell und der flächig flutenden Komposition des Pulitzer-Preisträgers Paul Moravec. Campbell schaltet von Kubricks inhaltlichen Eigenmächtigkeiten zurück auf den psychischen Kern aus Kings Text. Der Protagonist Jack Torrance ist ein cleaner und bis nach der Pause suchtresistenter Alkoholiker. Erst kämpft Jack lange gegen seine impulsive Gewalttätigkeit und den Rückfall, bevor er den Aufforderungen der Geister zum Mord an Danny nachkommen will.

Der Bariton Carl Rumstadt hat als zuerst sympathischer Jack auf den ersten Blick keine unüberwindbaren Probleme. Er ist nach beruflichen und persönlichen Handicaps glücklich über den neuen Job. Den Sog in die Extreme entwickelt Ritschel gleitend von sanft bis hart. Theodora Varga spielt Wendy mit anfänglich auf Optimismus geschalteter Exaltation. Diese gilt erst dem neuen Lebensort, dann der mehr affektiven als logischen Krisenbewältigung. Bis zur grell schreienden Auflösung fordert Moravec die Sängerstimmen mehr durch Lautstärke als durch Expressivität.

Danny, der kleine Sohn, durchlebt einen traumatisierenden Psycho-Trip. Mit Vitus Heumüller in der umfangreichen Partie geht die Absicht Ritschels und Madwars voll auf. Der Schrecken entsteht aus dem Gegensatz zwischen den im imposanten Raum klein wirkenden Darstellern und der musikalisch-dekorativen Opulenz (Kostüme passgenau von Barbara B. Blaschke). Wichtigste Figur neben der Familie ist Aubrey Allicock als Dick Hallorann, der wie Danny über telepathische und parapsychologische Wahrnehmungsformen verfügt, „The Shining“.

Stetig andauernder Horror

Im Aufführungsvertrag sind viele Momente der Inszenierung bindend. Durch die räumliche Distanz zwischen Bühne und Publikum entsteht auch deshalb weniger eine Kette von sich zuspitzenden Schockmomenten als ein verdüsterndes Zeitkontinuum. Moravecs effektvolle Musik intensiviert dieses in einem permanenten Strömen, Fluten, Reißen. Zu den Ballszenen erscheint der Chor in nachtblauer Düsternis (Einstudierung: Lucia Birzer). Frühere amerikanische Prüderie und Vorgaben verhindern, dass die im Libretto genannten Ausschweifungen allzu deutlich sichtbar werden. Das Ehepaar Jack und Wendy ist offenbar in der vertraut-kameradschaftlichen Beziehungsphase angelangt. Die Unterscheidung zwischen den Geisterlarven – elegant bis eklig dargestellt vom hervorragenden Ensemble des Staatstheaters Regensburg – und Familie Torrance erfolgt durch die Lichtgestaltung der Regie mit Maximilian Spielvogel.

GMD Stefan Veselka setzt mit dem Philharmonischen Orchester Regensburg kaum relaxende Inseln in das stetige Aufbäumen der Komposition. Ein subtiles Spannungsgefüge durch Ebbe und Flut gibt es nicht. Die koloristisch abwechslungsreiche und dabei wirkungsstarke Partitur zeichnet ein eher flächiges Porträt von Jack Torrance, für das man mit dem von seinem Vater und vom Leben misshandelten Protagonisten keine tiefere Empathie verspürt. Wenn der Heizkessel und mit ihm das ganze Hotel in die Luft gehen, folgt ein milder Epilog. Dieser optimistische Schlusspunkt bestätigt, dass Klimax, Krise und Katastrophe der vorausgegangenen zwei Stunden satt funktionieren. „The Shining“ wird seinen Weg über europäische Opernhäuser machen. Das ist gewiss.