Foto: „Uma Luz Cordial“ von Carolina Bianchi beim Festival d’Avignon. © Christophe Raynaud de Lage/Festival d'Avignon
Text:Erik Zielke, am 6. Juli 2026
Beim Festival d’Avignon inszeniert Carolina Bianchi den dritten Teil ihrer Trilogie „Cadela Força“: „Uma Luz Cordial“. Der Abend bietet dem Publikum viel Schockpotential und Stoff zum Nachdenken.
Ein Zitat aus dem 25. Gesang des dritten Teils, dem „Paradies“, aus Dantes „Göttlicher Komödie“ ist auf eine fahrbare Wand projiziert. Es sind Worte der Hoffnung, die Dante ausdrückt, dass er dereinst als Dichter in seine Heimat zurückkehren kann. Glockenklänge sind zu hören. Und bald kommen vier Performer:innen, drei Frauen und ein Mann, nackt auf die Bühne, knien nieder wie zum Gebet, verbinden sich selbst die Augen und heben langsam und gleichmäßig die Arme.
Als sie verschwinden, betritt eine Frau die Bühne. Sie doziert über den Ablauf des Abends. Sie schneidet sich in die eigene Hand und verschmiert, wie zum Beweis, ihr Blut. Zieht mit großen Worten das Publikum in ihren Bann. Grenzverletzungen scheut sie so wenig wie ein gehöriges Maß Pathos.
Schreiben als Waffe
Carolina Bianchi ist der Name der Frau, die, unterstützt von neun Performer:innen, mit diesem Abend am Grundsätzlichen rühren will. Die aus Brasilien stammende Theatermacherin hat nun den letzten Teil ihrer Trilogie „Cadela Força“ – brasilianisch für „Schlampen-Power“ – zur Uraufführung gebracht. „Uma Luz Cordial“ („Ein freundliches Licht“) wurde am vergangenen Wochenende im Rahmen des soeben eröffneten Festival d’Avignon an der Opéra Grand erstmals gezeigt, ehe es europaweit touren wird und unter anderem auch bei den Wiener Festwochen und am „HAU“ Hebbel am Ufer in Berlin zu sehen sein wird.
Nach den beiden ersten Teilen, die Vergewaltigungen, sexuellen Missbrauch und patriarchale Strukturen zum Thema machten und für breite Diskussionen gesorgt haben, legt Bianchi nun eine, im Grunde genommen, poetologische Inszenierung vor.
Was bedeutet es zu schreiben? Was bleibt, wenn man schreibt? Was lässt das Schreiben verschwinden? Kreisend nähert sie sich ihrem Gegenstand und deklamiert schließlich: „Schreiben ist eine Übung in Masochismus.“ Kein selbstverständliches Bekenntnis einer Theatermacherin, die sich auch als Autorin begreift.
Nervliche Zerreißprobe
Aber natürlich fragt Bianchi auch nach dem Verhältnis von (männlicher) Gewalt und Literatur. Sie geht dem manchmal verborgenen, oft aber auch offen zutage liegenden literarischen Topos nach, dass schlafende Frauen vergewaltigt werden. Und sie bringt weibliche Stimmen neu zu Gehör.
In zweieinhalb Stunden lässt Bianchi dafür Lecture-Performance und Ritual, Marionettenspiel und Geisterbeschwörung, Tanz und Musik ineinander übergehen. Nicht zu jeder Zeit bleiben Intensität und gedankliche Herausforderung dabei auf demselben hohen Niveau.
Als aber zwei Spieler eine Puppe auf die Bühne tragen und sie in äußerster Präzision führen, wird das Publikum auf eine nervliche Zerreißprobe gestellt. Lori ist ihr Name, wie wir erfahren, und sie ist acht Jahre alt. Eine Performerin leiht ihr die kindlich-schrille Stimme. Und wie in einem unschuldigen Offenbarungsakt, erfahren wir von ihr, was sie ihrem Notizbuch anvertraut: Es sind detaillierte Berichte von kindlicher Prostitution, die das Theaterpublikum minutenlang über sich ergehen lassen muss. Daran ändern auch ein dramaturgischer Kniff am Ende der Szene und die Verfremdung auf mehrerlei Ebenen nichts.
Verstören und Aufatmen
Bianchi hat dafür die brasilianische Autorin Hilda Hilst zu Rate gezogen und ihren bisher nicht ins Deutsche übersetzten, als pornografisch geltenden Roman „O caderno rosa de Lori Lamby“ („Das rosafarbene Notizbuch der Lori Lamby“, der das Verstörende in Literatur bannt.
Als sich eine Handvoll Performer:innen in der Seitenloge zu einem Chor formieren und Patti Smith – wohl eine der herausragenden Dichterinnen der Gegenwart – intonieren, kann man für einen Moment wieder durchatmen. Aber nur bis zum nächsten Schock, der bei Carolina Bianchi nie lange auf sich warten lässt. Einen billigen Schulterschluss bietet sie dem Publikum nicht an, dafür aber Fragen, die nachhallen, und ein bemerkenswertes Theatererlebnis.