Das ist ein bisschen Hauffs „Kaltem Herz“ und anderen Teufelsbünden ähnlich, aber eigenständig, vor allem durch Detlev Glanerts Klangsprache. Er schreibt seinen Protagonisten schwere, aber sangbar-ausdrucksvolle Partien. So ist der Prinz erst verloren, dann froh, denn er weiß, wo er seine Seele aufbewahrt – und seine Stimme wandert durch Höhen und Tiefen. Da mag Brigomeide ihn noch so umschmeicheln oder anfauchen – am Ende bleibt ihr nur ein fragend-wehmütiges „Vielleicht?“.
Die bitterschöne Meerfrauen-Saga ist das erste der „Dreiminutenspiele“ Thornton Wilders, die Glanert zu seinen Kurzopern inspirierten. Diese dauern ein wenig länger, sind aber nach intensiven 20 Minuten jeweils komplett.
Auch „Der Engel, der das Wasser bewegte“, eine simpel-komplizierte Geschichte. Auch sie wird von neun Solisten des Philharmonischen Orchesters Vorpommern getragen, der junge Dirigent Kiril Stankow hält Klang- und Stimmlinien perfekt zusammen. Den „Engel“ also, der dunkel-hell-dissonant heraufklingt, werden ein „Selbstgetäuschter“ Kranker (Karo Khachatryan) und ein „Letztgekommener“ Arzt (Thomas Rettensteiner) gleichermaßen anrufen, wer die nur einmal erhältliche Heilung bekommen soll. Dunkel und zart zugleich klagen die Männer, bejubeln schnell und synkopiert wie die Musiker die Ankunft des Engels (Franziska Ringe). Die vielen Fragen und Bitten der Männer begleitet dunkler Bläserton, doch statt einer Antwort bekommen sie ein Wunder – das ihnen im Crescendo neue Wege weist.
Bei all den Mythen, Illusionen, Sünden und Hoffnungen wird Glanerts Musik nie schwer, nie bedeutungshubernd, sie stellt mehr Fragen in Dissonanzen und Harmonien, als sie beantwortet. Und der Komponist setzt ans Ende seines Triptychons ein Satyrspiel: „Der Engel auf dem Schiff“. Das Gefährt ziert eine üppige, pausbäckige, bezopfte Galionsfigur. Sie soll den drei Insassen – Minna (Nina Maria Fischer), Van (Semjon Bulinsky), Sam (Alexandru Constantinescu), das Trio des Auftaktes – zum benötigten Trinkwasser verhelfen. Sie beten, umringen, flehen die stumm-starre Holzfigur wie eine Göttin an. Ein abstürzendes „Ooh!“ signalisiert Enttäuschung, die vom Orchester schnell und rhythmisch vorangetrieben wird. Doch auch kommt aus verlorenen Hoffnungen – von hell-flinkem Xylophon getrieben – eine überraschend andere Lösung, die am Ende unter hellen Schlägen verweht.
Nach kurzen 60 Minuten gaben sich die 100 Zuschauer zu Recht große Mühe, so begeistert zu applaudieren, als hätten alle 445 Plätze besetzt werden dürfen.
