Foto: Elektra, Iphigenie und Orest © Franziska Götzen
Text:Detlev Baur, am 4. Juli 2026
Zum Start der Open-Air-Festivals Utopie 3 am Mülheimer Theater an der Ruhr inszeniert Philipp Preuss die Uraufführung von Thomas Köcks „Circus Oresteia“. Das Stück verbindet den Fluch der Atridenfamilie mit dem Missbrauch der Erde durch den Menschen.
Am Ende wird es geradezu lyrisch. Ein Stein spricht und ein Krill aus der Antarktis und schließlich „die Stille zwischen zwei Vogelrufen“, die sich immer weiter ausbreitet auf der Erde. Angeklagt ist der Mensch. Im Wechsel drängen sich die neun Darsteller:innen vor das putzige Mikrofon aus einem Tannenzapfen. Schließlich fliegt eine Drohne mit Kamera von oben sachte in die Gruppe und wirft Livebilder auf den großen weißen, Stoffsack, der im Finale wie eine Erdkugel die Freilichtbühne einnimmt.
Begleitet vom Elektro-Sound der drei Musiker (Kornelius Heidebrecht, Timafei Birukov und Rolf Springer) tritt das Ensemble nun immer wieder aus der ersten Zuschauerreihe vor die Kamera, als Chor im Rückblick auf die vom Menschen ausgelöste Erd-Tragödie. Anderthalb Stunden zuvor trat der „Circus Oresteia“ von der Zuschauertribüne aus auf, die am Ende der schönen Allee im Raffelbergpark zu Füßen des Theaters an der Ruhr aufgebaut ist. Schuld und Schulden werden da von toter Gruftie-Iphigenie (Lea Reihl) und Chor (das restliche Ensemble) angerufen. Klytaimnestra (Dagmar Geppert) erkennt im Rauchzeichen zum erfolgreichen Kriegsende in Troja einen Waldbrand. Und Agamemnon (Fabio Menéndez) ist nicht nur Kriegsherr und Mörder der eigenen Tochter, sondern auch Vertreter der patriarchalen Fraktion fossiler Mann.
Sehr weiter Bogen
Der unablässig schreibende (und zuweilen selbst inszenierende) Thomas Köck spannt in dem Stück den Bogen wieder sehr weit vom antiken Familien- und Polis-Drama zu patriarchal grundierter Umweltzerstörung der Spezies Mensch. Heiner Müllers „Hamletmaschine“ leiht da in zivilisationskritischem Oberton der Orest-Figur des Aischylos grundsätzlich-verzweifelte Worte. Im ersten Teil der Mülheimer Uraufführung von Philipp Preuss verbindet sich all das eher kunstangestrengt als schlüssig. Die ambitionierten und abstrakten Gedankenbögen der Sprecher:innen wirken auf der nach hinten weiten Freilichtbühne im Park etwas verloren, der Chor aus den Mitgliedern der Atridenfamilie spricht eher spannungslos vor Glitzergoldwand oder zwischen dem (Krupp-Familien-ähnlichen) großen Ring hinter den Musikern (Bühne: Sara Aubrecht). Bernhard Glose muss als clownesker Erzähler sehr lose wirkende Fäden zusammenhalten.

Iphigenie (Lea Reihl) gibt den unterdrückten Wesen dieser Erde eine Stimme. Foto: Franziska Götzen
Wenn dann nach rund einer Stunde Iphigenie im Gesang mit der Band den melancholischen Grundton angibt, wenn Klytaimnestra den Gatten mit ölfarbener Paste hinter dem Eisenring ins Jenseits befördert, entstehen jedoch griffige Bilder und Stimmungen. Auch gelingt es etwa Joshua Zilinske als Orest und Marie Schulte-Werning als Elektra – beide in silbernen Raumfahreranzügen (Kostüme: Eva Karobath) – bei der geschwisterlichen Wiedererkennung nach langer Trennung Figuren zu etablieren.
Schließlich erscheint eine putzig-glitzernd eingekleidete Athene (Maria Neumann) und will das ewige Morden durch einen ordentlichen Prozess abschließen. Doch da übernehmen die bedrohten oder ausgelöschten Wesen der Welt, von der toten Iphigenie als ihre Anwältin eingeladen, das Mikrofon.
Starkes, lyrisches Finale
Während sich also dieser „Circus“ einer „Orestie“ als Dauerschlaufe einer fortschritts- und wachstumsgeilen Welt zu Beginn allmählich zu einem packenden Schauspiel entwickelt, gewinnen mit zunehmender Dunkelheit um das Spielfeld herum die Akteur:innen spürbar an Spielfreude. Maria Neumanns Athene ist kraftlose Göttin und wird doch zur konzentrierten Zuhörerin aller exkludierten Wesen, Albert Bork lässt den abgehalfterten Toy-Boy Aigisth hinter sich und wird zum engagierten Vertreter der Stimmlosen.
Muttermord und seine Sühnung samt Einführung der Demokratie sind in Köcks Text und in der Mülheimer Uraufführung nicht das zentrale Thema. Vielmehr verdrängt Gaia, die Erde an sich, die abgehobenen Olympier mit ihren überheblichen Menschen-Helden. Und das Spiel mit Licht und digitalen Bildern gibt am Ende dieser „Circus Oresteia“ durch das spielfreudige und auch humorvoll agierende Ensemble fremden Wesen eine Stimme. Und somit entsteht in dieser Menschheitstragödie ein Hauch von Hoffnung: auf eine Welt von Fantasie und Empathie statt Gier. Natur und Kultur verbinden sich in diesem Freilichttheater schließlich zu einer Art Happy End.