Die Gebrüder Grimm stehen inmitten einer bunten Truppe und schauen staunend nach links und rechts. Um sie herum ist eine nebelige Waldlichtung angelegt. Links stehen drei Personen in langen Kleidern mit überdimensionalen Köpfen und unterhalten sich.

Gebrüder Grimm nehmen ein Waldbad

Thomas Köck: deutsche märchen (& super creeps)

Theater:Schauspiel Leipzig, Premiere:18.04.2026 (UA)Regie:Elsa-Sophie JachKomponist(in):Max Kühn

Elsa-Sophie Jach bringt am Schauspiel Leipzig „deutsche märchen (& super creeps)“ von Thomas Köck zur Uraufführung. Ein Abend mit durchdachten mehrbödigen Anspielungen und Bezügen, der zum Nachdenken anregt.

„Es brennt der Wald im Abendrot“, erklingt als mehrstimmiger Kanon. Während der Ring der Baumwipfel zu Boden sinkt. Die Lichtung steht in roten Flammen. Alle Figuren sind vergangen, alle Märchen und Messen gesungen. Aus dem Dunkeln raunt es: „‚Es war einmal’, flüstert die Asche, die zu Boden fällt.“ Der Mythenring, so ist anzunehmen, schließt sich. Die Leipzig-Premiere von „deutsche märchen (& super creeps)“ endet im Verstummen. Über weite Strecken besticht Thomas Köcks Text durch Vielschichtig- und Mehrdeutigkeit, wenn er über die Funktion von Mythen nachdenkt. Mit großer Ensembleleistung realisierte dessen Uraufführung Regisseurin Elsa-Sophie Jach – als Waldbad der Gebrüder Grimm.

Ein Abend als Dreigespann

In drei Teile zerfällt der Abend, der zunächst gar nicht beginnen will. Die Gebrüder Grimm treten auf – seltsamerweise auf Hobbit getrimmt: Thomas Braungardt und Vanessa Czapla – und setzen sich in Erzählerpose. Doch wird ihr „Es war einmal“ unterbrochen. Der Anfang, die Diskussion, die Form, der Ton und zahlreiche Argumente treten als Figuren auf, die sich einmischen. Warum sprechen jetzt die beiden Männer? Könnte man nicht anders anfangen? Wieso sagt man nicht mehr, was man immer schon sagte? Was soll man noch sagen? Das ist ein hübsch wilder Ritt, der gegenwärtige Sprachdebatten ironisch touchiert, ohne eine entscheidende Position einzunehmen. Dahinter liegt eine tiefere Diskussion innerhalb der Sprachphilosophie: Wie überhaupt beginnen? Ist nicht jeder Anfang schon ein Ausschluss, weil jede Benennung alles andere ausschließt, das nicht benannt wird? Das schwingt hier mit, bevor der zweite Teil beginnt und sich der Vorhang öffnet.

Nachdem die Rheintöchter den Ring, aber auch einen flussvergiftenden Hexer namens Tesla besingen, treffen in einem mit Grasboden bedeckten Gehäuse Jakob und Wilhelm Grimm auf zahlreiche Gestalten. „Die Edition erschafft die Nation“, erklärt eine davon. Man erfährt in Spielszenen und Dialogen von ihrer Suche nach dem Ursprung des Deutschen, nach den Wurzeln ihrer Kultur. Die wollen die Brüder im Wald finden, der das Reich vom Erzfeind Frankreich abgrenzt. Die Märchen sollen zu einem germanischen Damals zurückführen, um die Nation zu konstruieren. Das ist lustig, weil die von den Grimms gesammelten Märchen vor allem aus Frankreich stammen.

Am Stärksten im Konflikt

Dass sie klischeehafte Frauenrollen erfanden und die Ursprungsmärchen mit diesen verfremdeten, wird zum Hauptkritikpunkt. Wenn die Märchenfiguren mit den Grimms streiten, sind die stärksten Szenen zu sehen. Insbesondere Anne Cathrin Buhtz und Emmeline Puntsch bestechen als Schneewittchen und Aschenputtel. Die eine darf sich vor einem Spiegel räkelnd fragen, was sie denn mit einem Prinzen sollte. Die andere schwebt von der Decke herein, will wissen, warum ihre Stiefschwestern nicht mehr zerfleischt werden, wie in der mündlichen Überlieferung – und beißt in einen abgehackten Fuß. Beide Schauspielerinnen waren schon im ersten Teil auf dem Punkt, rissen mit. Puntsch erzeugte als Ton mit fast physisch werdender Stimme einen Wutanfall, darf später auf Österreichisch derb fluchen.

Allerdings muss die Gesamtleistung des Ensembles hervorgehoben werden und auch die als Sekundanten auftretenden Studierenden der Leipziger Schauspielschule. Denn das Tempo ist hoch, die klugen und gedrechselten Sätze fliegen hin und her. Doch wirkt nichts gestelzt, haben die Figuren ihre Texte verinnerlicht. Immer wieder gelingt es den Darstellenden, die Sprache zur Musikalität zu bringen. Auch chorische Elemente gefallen. Sie können die Aufmerksamkeit des Publikums an sich binden. Hübsche Lichteffekte und Kleinigkeiten wie zu Boden schwebende Federn verfehlen nicht ihre Wirkung. Man versteht: Die Suche nach einem bruchlosen Ursprung der Kultur läuft ins Leere.

Märchen in Flammen

Die schimmernde Attraktivität verliert die Inszenierung etwas im dritten Teil. Das Gehäusedach lüftet sich mit Rotkäppchens Auftritt. Sie ist eine Influencerin, die sich als Rechtspopulistin entpuppt. Es geht um fremdes Erbe und den Umgang damit, historische Fliegenschisse und – auch mit dem Erscheinen von Frau Holle – ums ewige Anrufen der Leistungsgesellschaft. Nach dem Dach verschwinden die Gehäusewände. Die Gesellschaft wird metaphysisch obdachlos, ist ohne Heimat und Sinn. Sie findet sich auf einer Lichtung wieder. Die Grimms haben nichts mehr zu sagen. Ein Zwerg als Moderator und die Populistin, die zu deutliche Züge von Alice Weidel gewinnt, ringen um eine Mitte der Gesellschaft. Diese entpuppt sich als Leerstelle, die alle nur beschwören.

Eine Person sitzt in roter Kleidung auf dem Boden, die Beine von sich gestreckt. Dahinter steht ein Ensemble in grünen Mänteln. Die Lichtung ist in rotes, Licht getaucht und ragt bedrohlich hinter dem Ensemble auf.

Die Lichtung lodert bedrohlich hinter dem Ensemble. Foto: Rolf Arnold

Während sich alle Verbliebenen ums Stammesfeuer versammeln, kehren die Gespenster des „Es war einmal“ zurück. Da zensiert der Froschkönig die Märchen auf der Leipziger Buchmesse – klarer Bezug auf Kulturstaatsminister Wolfram Weimer –, werden blühende Landschaften beschworen und absichtslos Mauern. Und dann brennt die Lichtung, geht die Welt in der Götterdämmerung unter. Und das in einem schönen Schlussbild, das die zu eindeutigen Aussagen des dritten Teils abmildert. Denn Köcks sonstige Sprachgewalt wird hier noch einmal durch ein gewaltiges Bild eingefangen.