Foto: Uraufführung „Wo die Götter kauern wie Hunde“ von Leon Engler am Theater Heilbronn in der Regie von Janis Knorr. © Jochen Quast
Text:Volker Oesterreich, am 27. Juni 2026
Mit der Uraufführung von Leon Englers „Wo die Götter kauern wie Hunde“ lotet das Theater Heilbronn die schmale Grenze zwischen Horror und Humor aus. Im Science Dome der Experimenta-Erlebniswelt zündet Regisseur Janis Knorr ein Feuerwerk der Gags rund um den uralten Menschheitstraum von der Unsterblichkeit.
Es geht um die Wurst und um die Unsterblichkeit. Um das unendliche Universum, das vielleicht doch irgendwann endet. Um Utopien und Dystopien. Um eine spinnerte Spinne und eine durchgeknallte Doppel-Doktorin der Astrophysik und der Molekularbiologie. Es geht um Geschäfte mit gestylten Cowboy-Stiefeletten und um die ganz reale Massenmörderin Waltraud Wagner, die als „Todesengel von Lainz“ 42 Morde und Mordversuche in einem Krankenhaus verübt hatte. Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre war das. Es geht um den faustischen Forschungsfuror mit seiner Doppelmoral. Um Spielmaterial aus der griechischen Mythologie und Kerngedanken des Gilgamesch-Epos. Last but not least geht es um heutige Krisenszenarien, die der Dramatiker und Romancier Leon Engler assoziationsverliebt in sein Dialog-Ragout „Wo die Götter kauern wie Hunde“ gemixt hat.
Ja, worum geht es eigentlich nicht in dieser überbordenden Farce, die 2025 zum Gewinnerstück des Heilbronner „Science & Theatre“-Dramenwettbewerbs gekürt worden ist?
In den Sternen
Jetzt hat sie Janis Knorr im Science Dome der Experimenta-Erlebniswelt uraufgeführt. Ein idealer Ort mit einer Drehbühne nicht im Zentrum, sondern an den Rändern, die vor den Augen der Besucher rotieren. Über deren Köpfen eine Projektionskuppel wie im Planetarium. Dort oben tun sich unendliche Welten auf, und das ist gut so in der Institution namens Theater, die seit jeher nach den Sternen greift. Axel Vornam, der Heilbronner Intendant, hat das während seiner 18-jährigen Zeit an der Spitze der Institution immer wieder getan – speziell mit diesem Dramenwettbewerb, der in Kooperation mit der Experimenta durchgeführt wird. Ob er eine Zukunft hat, steht ebenfalls in den Sternen.
Denn in wenigen Wochen endet Vornams Ära. Zu Beginn der Spielzeit 2026/27 übernimmt Solvejg Bauer die Theaterleitung. Die bisherige Chefin der Schlossfestspiele Ettlingen hat sich vorgenommen, aus dem Heilbronner Haus, das stets den Markenkern Schauspiel hatte, ein Musiktheater zu machen. Das jedoch ohne eigenes Orchester. Auch das Kinder- und Jugendtheater steht zur Disposition. Künstlerisch steht also viel auf dem Spiel.

Absurd aufgedreht: Die Uraufführung von „Wo die Götter kauern wie Hunde“ von Leon Engler am Theater Heilbronn in der Regie von Janis Knorr. Foto: Jochen Quast
Groteskes Quintett
Andererseits kann vielleicht mit Erfindungsreichtum gezaubert werden. So wie in Leon Englers Stück. Darin lechzen die Schlüsselmacherin Petra und die Doppel-Doktorin Sophia nach der Unsterblichkeit. Die eine hofft auf die Wirksamkeit eines mystischen Krauts, die andere auf den Erkenntnisgewinn durch die Wissenschaften. Zu ihnen gesellen sich die Privatdetektivin Kassandra (Regina Speiseder), die in Cowboystiefel verliebte Helga, die später zur massenmörderischen Wurstwarenfabrikantin Waltraud alias Waltie Wagner mutiert (Sarah Finkel), und deren Spinnen-Tochter Arachne (Romy Klötzel). Das groteske Quintett zieht auf dem äußeren Drehbühnen-Ring vorbei am Publikum (Ausstattung: Ariella Karatolou), während Kevin Grabers Kuppel-Projektionen mal einen Himmel voller Sterne, dann voller Würste zeigen – letztere als Menetekel der mörderischen Menschheitsgeschichte.
Ohrenbetäubend absurd
Stefanie Schönfeld als Doppel-Doktorin und Sabine Unger als dynamische Sucherin nach dem Unsterblichkeitskraut laben sich an den Absurditäten des Texts. Er spielt mit dem Gedanken, dass die biologische Unsterblichkeit qua Genforschung durch den Kollaps des Universums zur Nullnummer werden könnte. Leon Englers ins Kraut schießende Fantasie und seine Pointen-Gier sind immens. Er treibt seine Gagmaschine durch zwei Triebwerke gleichzeitig an: Das eine stammt aus der Fabrikationsstätte namens Humor, das andere vom Konkurrenzunternehmen Horror.
Als Zuschauer will man den zahlreichen Sprach-Schmankerln nachschmecken, doch keine Chance: Beständig rauschen einem neue Witzworte, Anspielungen oder Comic-Momente um die Ohren. Man kommt sich vor, als stünde man am Rand der Niagarafälle nach der Schneeschmelze. Viel Getöse in donnernder Pracht.
Auch stimmlich wird einem ziemlich viel zugemutet. Janis Knorr lässt seine Darstellerinnen fast während der gesamten 90-minütigen Vorstellung in emphatischer Weise schreien. Man könnte glatt glauben, hinter jedem Wort stünden drei Ausrufezeichen als Regieanweisung. Weniger Vollgas und ein paar beherzte Tritte auf die Hysterie-Bremse täten dem ganzen Unterfangen sicher gut.