Ende der Brandmauer
Im Saal ist es stockdunkel, aus dem Off dröhnen laute Geräusche, die an Krieg denken lassen. Eine Radiostimme berichtet von einer chaotischen Lage im Berliner Regierungsviertel. Schlaglichter fallen auf Szenen eines Aufstands, schwer bewaffnete und maskierte Kämpfer:innen halten einem Bundeskanzler, der dem unseren sehr ähnlich sieht, eine Pistole an den Kopf. Ein bisschen Sturm aufs Kapitol, ein bisschen Militärputsch. Geht so die Abschaffung der Demokratie? Nein, findet der Conférencier im Stück, dessen Texte Schölch auf mehrere Spieler:innen verteilt. Heute geht das viel smoother, ohne „bumm-bumm und peng-peng“. Und dann geht sie los, die Lehrstunde über die allmähliche Machtübernahme oder -ergreifung der neuen Rechten, diesen Putsch ohne Putsch.
Und die geht so: Klara Milkowski, erfolgreiche Stand-up-Comedienne mit Primetime-TV-Sendung, wird gefeuert. Warum? Sie hat das Programm eigenmächtig geändert, um gegen Minderheiten zu hetzen, und anschließend einen Shitstorm im Netz losgetreten, indem sie dem Sender Zensur vorwirft und den rechten Trollen ordentlich Stoff liefert. Oskar Falk, Vorstand der Partei „Unser Haus Deutschland“, erkennt, dass sie ihm helfen kann, neue Wähler:innen zu gewinnen. Sie ist eine Frau, ist beliebt und sagt, was vermeintlich alle denken und was man ja wohl noch sagen dürfen wird. Sie ist, wie sie selbst sagt, „scheißnormal“. Er gewinnt sie als Kanzlerkandidatin, seine Partei wird stärkste Kraft bei der nächsten Wahl, ganz ohne Nazi-Image.
Die demokratischen Parteien zerfetzen sich wegen Details in Koalitionsverhandlungen, Falk bietet dem bisherigen Kanzler eine Koalition mit ihm als Kanzler an. „Ein fetter Köder“, den dieser schluckt. Das Ende der Brandmauer. „Aus Verantwortung“, wie er sagt, „für die Stabilität dieses Landes“. Pustekuchen: Falk opfert Klara in einem beinahe inszenierten Attentat, das Chaos ist perfekt, bei den nächsten Wahlen bekommt er die absolute Mehrheit. Die Demokratie ist am Ende. Daraus macht er nun kein Geheimnis mehr.

„Putsch“ von Alistair Beaton und Dietmar Jacobs am Metropoltheater München in der Regie von Jochen Schölch mit Ina Meling, Michele Cuciuffo und Ensemble. Foto: Metropoltheater München/Marie-Laure Briane
Keine Zeit für Utopien
Was Schölch da inszeniert, ist eine temporeiche Gesellschaftssatire, in der maskierte und also unidentifizierbare Internet-Trolle die Stimmung aufhetzen, Falk als neuer Rechter im schnieken Anzug über seine Nazi-Gesinnung hinwegtäuscht und sich die Politiker:innen der demokratischen Parteien in einem Kasperltheater der Details aufreiben anstatt an einem Strang zu ziehen. Wowo Habdank rast als Wutbürger über die Bühne, übt sich in Publikumsbeschimpfung und wettert gegen alles und vor allem die Kultur.
Ina Meling überzeugt als Klara, die für Lacher und Ruhm alles verraten würde, selbst ihre Tochter, die sich aus Verzweiflung über den Menschenhass ihrer Mutter der neuen Antifa anschließt: der „Anti-Kla“. Lea Luisa Schönhuber spielt sie als sympathisch-moralischen Rettungsanker, überzeugt aber auch als Generalsekretärin der konservativen Partei und genau wie Anna Graenzer in vielen anderen Rollen. Hubert Schedlbauer wechselt grandios von Klaras Manager mit Alt-Hippie-Manier zum Friedrich-Merz-Double. Und dann wäre da noch Michele Cuciuffo, der als Oskar Falk elegant die Strippen zieht und doch viel zu smooth wirkt für einen echten Nazi.
Das alles ist so nah an der Gegenwart, dass es weh tut. Die Autoren liefern eine erschreckend klare Analyse dessen, was hier schief läuft. Im Original endet das Stück mit einem zarten musikalischen Aufruf zum Widerstand. Die Autoren lassen Thorben und Melli von Wolken singen, die vorüberziehen, und vom gemeinsamen Aufstehen im Protest. Schölch schont sein Publikum nicht, er verzichtet auf diesen utopischen und irgendwie auch wieder vertröstenden Moment. Er endet mit einem gewählten Diktator, der dem Publikum die harte Wahrheit ins Gesicht sagt: „Ihr selbstgewissen, arroganten Eliten. Ihr dachtet immer, ihr wüsstet, wie die Weltgeschichte ausgeht. Aber in einer Geschichte kann am Ende alles passieren. Absolut alles. Auch das, was man für unmöglich hält.“ Dann wird es dunkel im Saal.
