Zerdehnter Kassandraruf

Marion Hélène Weber, Azeret Koua: Kassandra: coming of age at the end of the world

Theater:Theaterhaus Jena, Premiere:08.07.2026

Am Theaterhaus Jena versucht Hausregisseurin Azeret Koua, den Kassandra-Mythos in die Gegenwart zu holen: „Kassandra: coming of age at the end of the world“ gerät jedoch zum bedeutungsschwangeren Spektakel.

„So langsam, als hätte sie alle Zeit der Welt, als hätten wir alle Zeit der Welt.“ Der auf der Bühne erklingende Kassandraruf blieb ungehört. Er hätte als treffende Beschreibung des Geschehens Warnung für Regie und Dramaturgie sein können. Dabei war es das Ziel von Hausregisseurin Azeret Koua, mit „Kassandra: coming of age at the end of the world“ den Mythos in die Gegenwart zu holen. Und mit feministischem Turn zu versehen.

Das monumentale Bühnenbild (Elizaweta Veprinskaya) in der Freiluft-Arena lässt hinter die Mauern Trojas blicken. Links und rechts stehen mit psychedelischen Mustern versehene meterhohe Bühnentürme. Dazwischen tut sich bis zur Pause eine große, meist leere Spielfläche auf. Die braucht es, wenn hin und wieder Gruppentänzerinnen illustrativ auftreten. Teilweise wirken die Darstellenden im weiten Raum leicht verloren.

„We will not stay silent“

Erzählerisch hangelt sich die Inszenierung an der antiken Geschichte entlang. Aber fügt, beginnend bei Kassandras Geburt, eigene Elemente hinzu. Kassandra ist Tochter des trojanischen Herrscherpaares Priamos und Hekabe. Sie hat von kleinauf merkwürdige Visionen. Weil sie sich nicht verheiraten lassen will, geht sie zu den Seherinnen in den Apollotempel. Jener aus Delphi dürfte dafür historisches Vorbild gewesen sein. Dort verweigert sie sich der Verführung durch den Lichtgott, der sie daraufhin mit einem Fluch belegt: Er verleiht ihr die Gabe der Weissagung, aber bewirkt, dass niemand Kassandras Warnungen glauben wird. Die griechischen Heere greifen Troja an, weil Kassandras Bruder Paris die Griechin Helena in die Stadt holte. Hier wird sie nicht wie im Mythos verführt, sondern geht freiwillig mit, um einmal selbstbestimmt eine Entscheidung zu treffen. Kassandras Bruder Hector stirbt ihren Warnungen zum Trotz, andeutungsweise wird auch das hölzerne Pferd in die Stadt geschleppt. Diese geht unter, Kassandra verschwindet durch die Zuschauerreihen. Auf ihrem Kleid entdeckt man die Aufschrift „We will not stay silent“. Das Licht erlischt.

Im Gegensatz zum Coming-of-Age-Genre erfährt man wenig von Kassandras innerer Entwicklung. Sicherlich verwehrt sie sich der Heirat, dem äußeren Zwang, aber was in ihr wirklich vorgeht, bleibt verborgen. Das liegt zum einen an wenig Spiel und viel Vortrag. Selbst Dialoge sind vor allem Vortrag. Das wird teilweise mit illustrativ-verdoppelnden Gesten unterstrichen, etwa der Hinweis, dass die Gebärmutter ein Muskel ist mit Bodybuilderposen betont. Als Kassandra die Visionen mit Wucht heimsuchen, drückt sie sich ängstlich in eine Ecke, wie die schwachen Frauenfiguren in typischen Horrorstreifen. Immer wieder deuten Gesten Bedeutungsschwangeres an, bleiben aber leer.

Nuancen fehlen im Ton

Das fehlende Spiel kann der Stimmeinsatz nicht kompensieren, der oft nur Geschrei kennt. Das mag auch am Einsatz von Mikros liegen, den ein Tonausfall und eine piepsende Rückkopplungssequenz nicht besser machen. Gerade durch diese technische Verstärkung hätte die Chance für stimmliche Nuancen auf großer Bühne bestanden. Allein Luana Velis vermag hier zu punkten, changiert im Ton und setzt berührende Akzente. Erst als Hekabe, dann als Kassandra. Ihr gelingt auch der einzige eindringliche Moment: Nach der Pause deuten viele im Vordergrund auf Graberde platzierte Kerzen die Kriegsleiden an. Im Hintergrund wird die Seherin vom Untergang Trojas sichtlich mit physischem Leiden und hörbar mit brüchiger Stimme erschlagen. Man merkt, wie die Vision sie umwirft.

Dann verpufft der schöne Moment wieder. Warum nacheinander gleich vier Darstellerinnen die Kassandra spielen, erklärt sich nicht. Abrupte Rollenwechsel stiften eher Verwirrung. Das könnte ausdrücken, dass im Patriarchat alle Nichtmänner die Weiseren sind, auf die man hören sollte. Das hätte man aber klarer darstellen müssen. Dass Priamos eine lächerliche Figur ist und damit für alle Männer steht, geschenkt. Solche Botschaften gehen im mangelnden Spiel und dem Hang zum Klamauk trotz Tragödie unter.

Bloße Effekte

Dabei wird viel aufgefahren, es gibt eine Liveband, einen leider stimmlich zu dünnen Frauenchor und Artistinnen. Eine davon balanciert vor Beginn auf einem Seil über der Bühne. Dann zeigt sie anfangs eine Nummer an einer senkrechten Stange, inklusive einer halben Human-flag. Die anderen formieren sich darunter wie eine Rampe und fangen sie auf. Das sieht beeindruckend aus, von Artistik ist danach aber nichts mehr zu sehen. Gedacht für den bloßen Effekt sind auch mehrere Musikszenen, die nichts erzählen. Die chorischen Tanzeinlagen wirken laienhaft und wie Raumfüller. Der ganzen Inszenierung mangelt es an Stringenz und überzeugendem Ansatz übers Spektakel hinaus.

Wenn die junge Kassandra an einer Biene – etwas Bühnennebel – ihre Lebenslust und Selbstständigkeit entdecken soll, entfährt ihr der Satz: „So langsam, als hätte sie alle Zeit der Welt, als hätten wir alles Zeit der Welt.“ Ihres inneres Erleben spürt das Publikum nicht. Immerhin endet der zweieinhalbstündige Abend 40 Minuten früher als ursprünglich angekündigt. Vielleicht hat das Team bei der Generalprobe den Kassandraruf doch ein bisschen vernommen.