Foto: Sarah Schmidt und Ensemble © Sebastian Hoppe
Text:Detlev Baur, am 10. Mai 2026
Sebastian Hartmann bringt „Träume in Europa“ von Wolfram Lotz am Staatsschauspiel Dresden zur Uraufführung. Und bietet mit zehn Spieler:innen und einer Pianistin ein großartiges, nüchtern-rituelles Spiel um einsam Träumende als Gruppe.
Träume sind… – in jedem Fall extrem persönlich. Der hoch geschätzte und sich zugleich sehr rar machende Theaterautor Wolfram Lotz hat zu Beginn des Jahres ein gut hundertseitiges Prosa-Büchlein veröffentlicht, das es in seiner Einfachheit sich hat. Knapp hundert Träume reiht Lotz darin aneinander. „Sämtliche Träume bestehen aus bearbeiteten Posts aus europäischen Traumforen“, heißt es lapidar in der Eingangsbemerkung.
Auch der Regisseur Sebastian Hartmann ist – nach eigener Einschätzung – „ein Solitär“ in der Theaterlandschaft, der mit zwei Einladungen zum diesjährigen Theatertreffen momentan reichlich Anerkennung erhält. Lotz wie Hartmann verweigern seit jeher psychologischen Naturalismus, suchen die performativen Grenzen des Vor-Spielens und -Sprechens auf der Bühne. Hartmanns Inszenierungen der letzten Jahre zeigen surreale Wirklichkeiten jenseits der Alltagsoberflächen. Und so hält sich Hartmanns Uraufführung von „Träume in Europa“ am Staatsschauspiel Dresden auch erstaunlich eng an die Traumsammlung, streicht allenfalls 20 Prozent der Beschreibungen, ändert die erhaltenen aber wohl an keiner Stelle. (Während dramatische Texte bei diesem Regisseur sonst eher zum Textsteinbruch werden.)
In der Einsamkeit des Traums verbunden
„Ich bin“, „Ich ging“, „Ich war“ oder ähnlich beginnen die zwischen wenigen Zeilen und einigen Seiten langen Referate anonymer Erzähler:innen im Buch. Wir erfahren von surrealen Bahnfahrten, einem erfolglosen Bewerbungsgespräch, das in eine Männerfreundschaft mündet, von familiären Krisen, Begegnungen mit verstorbenen Kindern oder Eltern, Freundschaften mit Prominenten, Castingshows zu Hause, aggressiven MacBooks oder kleinen Ungeheuern. Die komponierte Sammlung eröffnet ein skurriles, humoristisches und zugleich anrührendes Bild ganz normaler Sterblicher der europäischen Gegenwart. Sie blickt auf eine große Gruppe von Menschen in jeweils – traumbedingt – extrem individuellen Äußerungen.
Auf der anfangs fast leeren Bühne (Bühne: Sebastian Hartmann) des Staatsschauspiels Dresden schlendern zu Beginn zehn Darsteller:innen nach und nach zum breiten Tisch, hinter dem sie sich wie Jünger versammeln. Sie tragen weite, edel-antikisierende Gewänder (Kostüme: Adriana Braga Peretzki). Den musikalischen Grundton setzt vorne rechts vor der Bühne die Pianistin und Musikerin Friederike Bernhardt, anfangs klassisch-romantisch, später auch mit elektronischen Loops, Keyboard und Störgeräuschen.

Die Dresdner Traumbühne. Foto: Sebastian Hoppe
Alle erzählen „ihre“ Träume, im Wechsel, zunächst ohne große Emotionalität. Torsten Ranft hält sich besonders deutlich „seine“ Traumenthüllungen sprachlich vom Leibe, deutet auch das komische Potenzial der Gedanken-Beichten an. Seitenblicke oder Fluchtbewegungen kommen nach und nach dazu, rollbare Haus- oder Palastwände engen den Raum ein und werden wieder weggeschoben.
Das manisch-panische Potenzial der Texte greift auf die Figuren zunehmend über, das Rennen von jeweils Nicht-Sprechenden endet dabei zuweilen im Lauf gegen eine Wand. Dann sammeln sich die gemeinsam Einsamen, in ihren Traumtexten Gefangenen zu einer engen, intimen Leidensgruppe am Tisch. Später gegen Ende der knapp vier Stunden versucht einer aus der Runde, den Tisch und die Bänke abzubauen, doch die Bühnenarbeiter bauen sie umgehend wieder auf.
Kunst der Träume statt Deutung
Mit souverän eingesetzten theatralen Zaubermitteln von Licht, Kostüm, sparsam-effektvoller Bühne und bei Nutzung des gesamten Theaterraums – über die Bühnengrenzen hinaus in Parkett und in den Rang hinein – entwerfen Hartmann und das gleichsam traumhaft eingespielte Ensemble ein Panorama der Innensichten.
Besonders erwähnenswert sind die beeindruckenden, mit dem Lichtdesign (Lothar Baumgarte) korrespondierenden Wolken- und Nebeleffekte hinter und über dem Traumtisch. Der zugleich auf Traumerzählungen reduzierte und damit auf hunderte menschliche Schicksale ausgreifende Text steht bei alldem im Zentrum, gerät in Reibung mit dem Bühnengeschehen. Auffällig – und längst ungewöhnlich – sprechen die Zehn ohne Mikroport in den weiten Raum hinein. Sie sind damit nicht immer leicht verständlich, aber immer räumlich präsent.
Damit liefern sie die nicht unbedingt emotional ergreifende, aber sinnlich-gedanklich ungeheuer anregende theatrale Reflexion einer Traumlandschaft. Hier wird nicht gedeutet, sondern angespielt. Damit ist „Träume in Europa“ keine krampfhafte Kunstanstrengung, aber in der zweiten Hälfte durchaus physisch fordernd. Allein für die Frage von Kollektivität unserer innersten, persönlichsten nächtlichen Erlebnisse bietet die Inszenierung ein reiches Angebot an theatralen Sprachfiguren und Bildern. Geister, Sprecher:innen und Verstorbene bilden eine komplexe Gemeinschaft, nüchtern und zauberhaft.
Die Frage, ob das Buch „Träume in Europa“ nun ein Theatertext sei oder nicht, wird in dieser grandiosen Uraufführung aufgehoben. Und damit auch noch einmal eine Antwort auf unseren jüngst erschienenen Schwerpunkt Neue Literatur fürs Theater gegeben: Wahres Theater muss kein Drama sein.