Die Freude am Widerstand
Foto: © Philip Frowein Text:Hans-Georg Wegner, am 7. August 2026
Vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern wächst an Theatern die Sorge vor einer Kulturpolitik, die stärker in künstlerische Entscheidungen eingreifen könnte. Hans-Georg Wegner, Generalintendant des Mecklenburgischen Staatstheaters, erinnert an Erfahrungen aus der DDR und beschreibt, weshalb sein Theater heute bewusst auf Offenheit, Vielfalt und gesellschaftliche Präsenz setzt.
Letztens hatten wir den Dirigenten Hartmut Haenchen für ein Konzert zu Gast. Er hatte zwischen 1976 und 1979 bei der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin seine erste Chefstelle. Er ist der einzige Künstler, den ich kenne, der auf seiner Website extra eine „politische Biografie“ auflistet, in der die zahlreichen Konflikte mit der Stasi und anderen politischen oder administrativen Machthabern der DDR aufgezählt sind.
Beim Essen mit ihm und unserer Orchesterdirektorin Anna Kausche kamen wir auf seine Schweriner Zeit zu sprechen. Auch hier gab es mehrere Fälle, wo die Partei in seinen Spielplan eingriff. Anna Kausche ist jung und nicht aus Ostdeutschland. Auf ihre Frage, was denn seine Motivation gewesen sei, trotzdem immer wieder neu anzuecken, ging ein Strahlen über sein Gesicht, und er sagte: „Widerstand!“
Kulturpolitik im Regierungsprogramm der AfD
Bei allem sehr berechtigten Optimismus, den ich mit Blick auf die politische Zukunft Mecklenburg-Vorpommerns habe, ist es doch gut, sich in Erinnerung zu rufen, dass Widerstand und die Freude daran eine Option sind. Denn diese Anekdote hat ja leider einen ganz aktuellen Bezug. In ihrem sogenannten Regierungsprogramm hat die AfD Mecklenburg-Vorpommern auch einige wenige Einlassungen zu ihrer angestrebten Kulturpolitik notiert. So zum Beispiel die Formulierung „Ideologisch motivierte Projekte stellen wir auf den Prüfstand“.
Das bedeutet zweierlei: Die Partei legt fest, was sie unter „ideologisch motiviert“ versteht und entscheidet dann, was gefördert wird und was nicht. Da schließt sich ein Kreis bei uns in Ostdeutschland. 36 Jahre, nachdem wir mit viel Risikobereitschaft das Ende der SED-Herrschaft erreichen konnten, gibt es erstmals wieder eine Partei, die bei der Programmgestaltung der Kulturinstitute mitreden und über Zuwendungen die Ausgestaltung der Kunst steuern will.
„Partnerschaften für die Demokratie“
Im Moment geht es darum, zu verhindern, dass die AfD politische Verantwortung übernehmen kann. Denn wenn das eintreten sollte, ist es ungleich schwieriger und auch riskanter, Widerstand zu leisten. Wir sehen das aktuell in den USA.
Was können wir tun? Eine ganz großartige Initiative am Schweriner Staatstheater kommt aus der Mitte der Belegschaft. Bei uns arbeiten Menschen aus 22 Nationen und buchstäblich allen Kontinenten dieser Erde (außer Antarktika). Die Initiative hat Flyer entworfen, in denen sie ihrer Sorge um das Erstarken rechtsextremer Kräfte im Land Ausdruck gibt und entsprechend dazu aufruft, bei der kommenden Wahl seine Stimme für eine „demokratische, tolerante und vielfältige Gesellschaft“ abzugeben. Diese Flyer liegen in allen Programmheften. Am 12. September werden wir ebenfalls auf Basis der Freiwilligkeit ein Programm auf dem Schweriner Markt zusammenstellen und koordiniert durch „Partnerschaften für Demokratie“ gemeinsam mit Vereinen wie dem CSD Schwerin einen Nachmittag für respektvolles Miteinander gestalten. Ich glaube, es geht im Moment vor allem darum, dass wir als große Kulturinstitution Haltung zeigen und der Mitte der Gesellschaft klar zeigen, dass das Gedankengut der AfD für uns, aber auch für die kulturelle Tradition generell und damit für unser Theater aus zahlreichen Gründen eine Gefährdung bedeutet. Für diese „Mitte“, die zunehmend die Kraft zum Widerstand und zur Offenheit verliert, stellen wir beglückende, einladende Erfahrungen der Vielfalt und Gemeinschaft bereit.
Subversive Kraft von Theater
Dazu zählen nicht nur die unterdessen berühmte Florentina-Holzinger-Produktion „SANCTA“, die vor zwei Jahren bei uns Premiere hatte, sondern auch die durch eine kleine Anfrage der AfD politisierte „Regenbogenparty“ mit der queeren Community oder eine Oper im Plattenbaugebiet, die Rebekka Kricheldorf und Wolfgang Böhmer für unsere Profis und 80 Kinder geschrieben haben. So geht es auch in der nächsten Spielzeit weiter mit einem Mut machenden „Fidelio“ (Regie Kerstin Steeb) mit eingearbeiteten Texten von Maria Kalesnikava, der antiken Urtragödie „Thyestes“, inszeniert von unserer neuen Schauspieldirektorin Joanna Lewicka, die einen fatalen Kreislauf von Gewalt vor Augen führt, ein Demokratiekonzert der Mecklenburgischen Staatskapelle oder eine Uraufführung der Fritz-Reuter-Bühne, die die Biografie ihres aktivistischen Namensgebers ins Heute holt. Das Ballett Schwerin als unser diversestes Ensemble beschäftigt sich mit dem deutschen Mythos der Walpurgisnacht, und das Programm des ebenfalls unter neuer künstlerischer Leitung startenden Jungen Staatstheaters Parchim geht mitten hinein in die Lebenswelt der mecklenburgischen jungen Menschen. Die Antwort auf die drohende Verspießerung der Kunst durch die kulturpolitischen Absichten der AfD kann nur sein, noch tiefer zu graben und gleichzeitig offener und faszinierender zu werden. Jede unserer sechs Sparten zieht da mit.
Wenn alles schiefgehen sollte und die AfD Macht bekommt, dann werden wir die Freude am Widerstand wiederbeleben und die subversive Kraft von Theaterkunst neu entdecken, da bin ich optimistisch. Denn auch diese Fähigkeiten haben Tradition an diesem stolzen Theater.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 4/2026, siehe auch den Beitrag des Magdeburger Generalintendanten und Operndirektors Julien Chavaz im Vorfeld der Wahlen in Sachsen-Anhalt.