Der Spielplan gehört dem Theater
Foto: Julien Chavaz © Kerstin Schomburg Text:Julien Chavaz, am 7. August 2026
Julien Chavaz, Generalintendant und Operndirektor des Theaters Magdeburg, über ökonomischen Druck, die Verantwortung für sein Haus – und warum Theater nur frei bleiben kann, wenn Politik seine Inhalte nicht bestimmt.
Die Landtagswahl am 6. September wird auch von uns als Theater mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, und wir nehmen die kulturpolitischen Ziele im Wahlprogramm der AfD ernst. Auch wenn eine Regierung keine Spielpläne direkt schreiben kann, entsteht Einfluss über Finanzierung, Personalpolitik und strukturellen Druck. Der Weg über die Finanzierung ist ökonomische Zensur. Das wäre ein extremer Eingriff in die künstlerische Freiheit und in die Verantwortung eines Theaters, selbst über Inhalte und Ästhetiken zu entscheiden. Es wäre das Gleiche, als wollte die AfD über die Mannschaftsaufstellung beim FC Magdeburg entscheiden oder darüber bestimmen, wer deutsch genug ist, um beim FCM zu spielen.
Gleichzeitig zeigt die Debatte auch, welche Bedeutung Kultur hat. Wenn man es positiv drehen will, gibt es uns die Bestätigung, dass Theater eine wichtige Sprache ist. Man würde uns nicht so angehen, wenn die Kultur bedeutungslos wäre. Man sitzt zusammen mit 600 Menschen in einem Theater und lacht und weint, regt sich auf und debattiert. Genau solche gemeinsamen Erfahrungen sind für eine demokratische Gesellschaft und ihren Zusammenhalt unverzichtbar.
Verantwortung der Spielplangestaltung
Der große Zuspruch für Projekte wie „Wunde Stadt“ (ein Stück von Kevin Rittberger über den Terroranschlag in Magdeburg am 20.12.2024) zeigt, dass das Publikum sehr wohl Interesse an künstlerischen Arbeiten hat, die sich mit gesellschaftlicher Wirklichkeit auseinandersetzen. Daraus ziehen wir die Bestätigung, dass Theater relevant bleibt, wenn es Fragen unserer Zeit verhandelt und unterschiedliche Perspektiven sichtbar macht. Theater, Musik, Kunst – das ist die Chance, eine andere Perspektive zu bekommen. Für die Spielplangestaltung bedeutet das nicht Anpassung an politische Forderungen, sondern im Gegenteil eine besondere Verantwortung: offen, vielfältig und neugierig zu bleiben. Wer glaubt, man könnte Inhalte durch Stücktitel kontrollieren, hat Theater nicht verstanden.
Keine Ideologie auf der Bühne
Meine erste und wichtigste Mission ist es, die 440 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier zu schützen. Deshalb müssen wir diese Entwicklung klar benennen und zugleich alles dafür tun, dass Theater ein Ort des Austauschs, der Fantasie und der demokratischen Öffentlichkeit bleibt. Denn es geht nicht nur um einzelne Inszenierungen oder Spielpläne. Das eigentliche Ziel besteht darin, Theater und Künstlerinnen und Künstler für ein patriotisches und reaktionäres politisches Programm zu vereinnahmen.
Kultur soll nach den Vorstellungen der AfD nicht mehr frei sein, sondern einer ideologischen Agenda dienen. Theater würde dann nicht mehr als Ort unterschiedlicher Perspektiven, gesellschaftlicher Debatten und künstlerischer Freiheit verstanden, sondern als Instrument zur Vermittlung einer bestimmten politischen und kulturellen Vorstellung von Nation und Identität. Unser Theater ist dazu da, Theater zu machen – nicht, um die Ideologie einer Partei auf die Bühne zu bringen.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 4/2026, siehe auch den Beitrag des Generalintendanten des Mecklenburgischen Staatstheaters Hans-Georg Wegner im Vorfeld der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern.