Porträt von Maya Arad Yasur.

„Meine professionelle Identität ist eine komplett andere als meine persönliche“

Die Dramatikerin Maya Arad Yasur lebt in Israel, sieht sich aber als europäische Autorin.

Das Theater in Deutschland sehnt sich nach Internationalität, nach spannenden Stimmen aus dem Ausland, fremdsprachigen Autorinnen und Autoren. Maya Arad Yasur ist so eine Stimme. Aufgewachsen ist sie in Israel, dann studierte sie in Amsterdam Dramaturgie und arbeitete in Holland als Dramaturgin, bis sie aus privaten Gründen nach Israel zurückkehrte. Ihre Stücke aber werden meist anderswo, in Europa und den USA, vor allem in Deutschland gespielt. Sie, die Hebräisch schreibt und Englisch spricht, scheint wie gemacht für das international aufgestellte Theater, das man sich hierzulande wünscht. Sie selbst aber fühlt sich zwischen den Stühlen, sehnt sich nach einer Zugehörigkeit, die nicht auf Herkunft, sondern auf einem gemeinsamen Verständnis von Theater beruht.

Oktober 2020. Ob ich Maya Arad Yasur persönlich treffen kann, ist ungewiss. In Israel wurde der zweite Corona-Lockdown verhängt, bevor ihr Stück „Blaue Stille“ am Landestheater Schwaben in Memmingen uraufgeführt wird. Die Premiere ist an einem Freitag. Am Mittwoch schreibt Arad Yasur mir, sie gehe am Abend mit ihrer Familie zum Corona-Test. Ist das Ergebnis bis Freitag da (und negativ), komme sie nach Deutschland. Der Plan geht auf. Allerdings so knapp, dass wir uns vor der Premiere nicht treffen können, wohl aber ein paar Tage später im Münchner Volkstheater. Hier hatte im Januar 2019 die deutschsprachige Erstaufführung ihres Stücks „Amsterdam“ stattgefunden. Nun sind die Kulissen dieser Prä-Corona-Inszenierung wie viele andere erst mal eingelagert. Auf unserem Rundgang durchs Haus beim Fotoshooting kommen wir an den Lichterbögen vorbei, an denen Regisseurin Sapir Heller ihr Ensemble turnen ließ.

Bilder einer Gesellschaft

„Amsterdam“ ist Arad Yasurs persönlichstes und bisher erfolgreichstes Stück. Neunmal wurde es inszeniert (zweimal in Deutschland). Fünf weitere Produktionen (wiederum drei in Deutschland) sind geplant. Im Zentrum steht eine junge Frau aus Israel, die als Musikerin in Amsterdam lebt und eines Tages eine abstrus hohe Gasrechnung aus dem Jahr 1944 bekommt, an ihre verstorbene Vermieterin gerichtet, zuzüglich Mahngebühren aus vielen Jahrzehnten. Tatsächlich stellte die Stadt Amsterdam wohl nach dem Zweiten Weltkrieg den aus den Konzentrationslagern zurückkehrenden Juden Strom- und Gasrechnungen für die Zeit ihrer Abwesenheit zu. Die Autorin spinnt diese Ungeheuerlichkeit weiter bis ins Heute, schickt ihre Protagonistin auf die Suche nach Antworten: „Das ist schrecklich, weil es symbolisch ist, weil es Gas ist.“

Arad Yasur verwebt unzählige Beobachtungen und Begebenheiten, die sich nach und nach zusammensetzen zum Bild einer Gesellschaft, die sich für aufgeschlossen hält und doch gar nicht so ungruselig ist. Sie führt vor, wie schwierig die Aufarbeitung der Geschichte ist. Bis heute. Und sie packt den schweren Stoff in eine leichte, lockere Form, immer an der Grenze zum Absurden. Die Dialoge springen assoziativ von einem Thema zum anderen, vom Genozid zum Supermarkt, von Pastrami im Einkaufswagen zur Frage nach der Religion. Die Geschichte hinter der ominösen Gasrechnung entwickeln die Performer während des Spiels; ein Panoptikum aus Fakten und Phantasien spinnt sich zusammen, in dem nichts und niemand sicher sein kann vor Vereinnahmung und Spekulation.

Temporeiche Sprachchoreografie

Sapir Heller hat die deutschsprachige Erstaufführung als temporeiche Sprachchoreografie inszeniert, die mit lockerleichtem Ton zur Härte des Themas vordringt, zu Schuld und Verrat. „Sie sagt, dass sie kein Holländisch spricht, damit sie denken, sie sei Touristin“, heißt es einmal im Stück. „Damit sie denken, sie sei Amerikanerin. Sie kitzelt sie an den Vorurteilen. Sie dehnt ihnen den Stereotypenmuskel. Sie mischt all ihre Nationalismuskarten neu.“

Aufführungsfoto von „Amsterdam“ am Münchner Volkstheater. Ein Mann steht im Vordergrund. Ein Mann und eine Frau stehen seitlich hinter ihm und halten ihn an den Schultern fest. Dahinter ein Halbrund mit Glühbirnen und einer Diskokugel in der Mitte.

Die deutschsprachige Erstaufführung von „Amsterdam“ am Münchner Volkstheater. Foto: Gabriela Neeb

Auch Arad Yasur mischt die „Nationalismuskarten“ neu, kann sich schwer festlegen auf eine Nationalität. Nach unserem Gespräch wird sie mit ihrem Partner und ihren beiden Kindern erst mal an den Starnberger See fahren, ein bisschen durch Deutschland und dann durch Frankreich bis in die Normandie reisen. Dem Lockdown in Israel entgehen. Schnell zurückzukehren, dafür gebe es momentan wenig Gründe. Überhaupt ist ihr Verhältnis zu Israel zwiespältig. Geboren und aufgewachsen ist sie in Ramat Gan, nahe Tel Aviv.

Geschrieben hat sie schon als Kind, querbeet alles von Prosa über Lyrik bis hin zum Drama. Später heiratete sie einen Holländer, ging mit ihm nach Amsterdam und studierte Dramaturgie. „Das Theater in Holland unterscheidet sich so komplett von dem in Israel, dass es beinahe komisch ist, dass beides Theater heißt“, sagt sie. „In Israel gibt es die geförderten Repertoiretheater, die sehr traditionell sind. In der freien Szene sieht man zwar Experimente, aber das wird nicht wirklich geschätzt oder gefördert. Es bleibt bei Versuchen.“

Performance eines Telefonbuchs

In Amsterdam erlebte sie ein völlig anderes Theater, war überwältigt. Zwar verstand sie die Sprache nicht, wohl aber den direkten Kontakt zwischen Schauspielern und Publikum. „Dieses Theater war ein gemeinsames Er- und Durchleben.“ Einmal sah sie eine Adaption von Thomas Manns „Zauberberg“ in Amsterdam. Und sie merkte, wie traditionell ihre Vorstellung von einer Romanbearbeitung als Nacherzählung der Geschichte war. Hier saßen die Schauspieler vor Büchern und analysierten den Roman. „Das Studium hat mich herausgefordert“, sagt sie. „Ich insistierte auf dialogische Texte und Figuren, hier lag der Fokus woanders. Ein Dozent fragte mich irgendwann, ob ich es für möglich halte, eine Performance aus einem Telefonbuch zu entwickeln. Das war das Gegenteil von allem, was ich bis dato gemacht hatte.“

Sie arbeitete in Holland als Dramaturgin. Arad Yasur arbeitete bei Stückentwicklungen mit. Sie lernte, wie Texte auf der Bühne funktionieren, entwickelte ein Gespür für Tempo und Performance. Ihre Stücke nun sind Hybride aus klassischer Dramaturgie und absurdem Theater, aus Tragödie und Komödie. Ihr erstes Stück, das an einem professionellen Theater aufgeführt wurde, war „In der Schwebe“.

Arad Yasur spielt mit der vierten Wand, macht sie durchsichtig: Zwischen Bühne und Publikum steht die Glasfront eines Bürohochhauses. Zwei Männer hängen an Seilen daran, sie sind Fensterputzer. Geflüchtete, die sich fern der Heimat in dieser wahrlich unsicheren Position wiederbegegnen. Das Publikum nimmt die Rolle der Menschen in den Büros ein, als Beobachter, aber auch als elementarer Teil der Szene, Objekte der Reflexion.

Geschichten kollidieren miteinander

„Wenn ich schreibe, probiere ich neue Formen aus und weiß am Anfang noch nicht genau, was dabei herauskommt. Ich denke weniger an Figuren als an Performer“, beschreibt Arad Yasur ihre Arbeit. „Mein Ausgangspunkt ist, dass alle versuchen, ihre Geschichte in der Welt zu finden und zu verstehen. Und da wir viele Menschen sind, existieren all diese Geschichten parallel und kollidieren miteinander.“

Uraufführung von „Blaue Stille“ am Schwäbischen Landestheater in Memmingen. Foto: Forster

2020 wurden zwei Stücke von ihr uraufgeführt. Im Februar „BOMB“ am Schauspiel Köln, das kurz nach der Premiere dem ersten Lockdown zum Opfer fiel. Im Oktober „Blaue Stille“ in Memmingen, das ebenfalls ab November coronabedingt erst mal pausieren musste. In diesem aktuellsten Stück schafft sie eine klaustrophobische Grundsituation, ein Auf-sich-geworfen-Sein, das in den Monaten der sozialen Isolation neue Aktualität gewonnen hat. Zwei Menschen finden sich in einem abgeschlossenen Raum wieder, einem Escape Room, der Antworten verlangt, die sie nicht haben – oder nicht haben wollen. Eine Retrospektive der Möglichkeiten, eine Trauerfeier für all das Verpasste. Ein bisschen eine geschlossene Gesellschaft wie bei Sartre, ein bisschen Warten wie bei Beckett, ein bisschen Ausgeliefertsein wie bei Kafka. Alles könnte so (gewesen) sein, nichts muss.

Zurück nach Israel

2013 entschied Arad Yasur, nach Israel zurückzugehen. Es war eine private Entscheidung, keine professionelle. Eine emotionale, keine vernünftige. Der Gedanke, Kinder zu bekommen, führte sie zurück. Sie wollte, dass die Kinder, die sie sich wünschte, in Israel aufwachsen, wollte mit ihnen an den Strand gehen, an dem sie selbst war, ihre Kindheitserinnerungen weitergeben: „Ich bin eine israelische Frau. Das ist mein Heimatland.“ In Israel begegnete sie ihrem jetzigen Partner, bekam zwei Kinder. Die Sorge, ob diese privat so richtige Entscheidung auch beruflich klug war, begleitet sie bis heute. In Tel Aviv arbeitete sie als Dramaturgin am Habimah, dem Nationaltheater. Intendant war Ilan Ronen, der ihre europäische Ausbildung schätzte. Er beauftragte sie, „Gott wartet an der Haltestelle“ zu schreiben.

Arad Yasur setzt ihre Figuren hier elementaren Gewissenskonflikten aus. Zwei junge Frauen treffen an einem israelischen Grenzposten aufeinander: Soll die Soldatin Yael die palästinensische Krankenschwester Amal passieren lassen? Wider ihre Anweisung? Aus Menschlichkeit? Arad Yasur interessieren Fragen, auf die es keine Antwort gibt. In diesem Fall war es die Frage, wie sie selbst zu den Konflikten in ihrer Heimat steht. „Wenn ich keine klare Antwort habe, interessiert mich ein Thema“, sagt sie. „Wenn es zwei Seiten gibt, die beide recht haben könnten. Das ist dann wie ein Labor für mich: Ich werfe all die Zutaten zusammen und schaue, was passiert.“ Und ihr Publikum beobachtet mit ihr, wie die verschiedenen Ingredienzien miteinander reagieren.

Aus politischen Gründen

Eine Weile lief es ganz gut am Habimah. „Doch seit Ronen das Theater verlassen hat, entwickelte sich alles rückwärts“, so Arad Yasur. Das Stück, das in einem internationalen Kontext entstanden war, wurde schnell vom Spielplan genommen, obwohl es bei Publikum und Kritik gut angekommen war. Aus politischen Gründen, wie Ilan Ronen ihr später erzählte.

„Das israelische Theater hat wenig für mich getan“, sagt Arad Yasur. „Meine Stücke werden meist in anderen Ländern uraufgeführt – und wertgeschätzt. Es gibt keinerlei Grund, mich als ‚israelische Autorin‘ zu fühlen. Trotzdem werde ich immer so gelabelt. Das langweilt mich. Es weckt den Eindruck, dass mein Schreiben das Theater in Israel repräsentiert und Israel mich darin fördert.“

Kritische neue Stimme

Die „Nationalismuskarten“, von denen sie in „Amsterdam“ spricht, treiben sie um, die Frage: „Muss ich meinen Wunsch, meine Kinder in Israel aufwachsen zu sehen, aufgeben, um eine ‚europäische Autorin‘ zu sein?“ Tatsächlich fällt ihr Deutschland ein, als wir uns – auf Englisch – dem Ausdruck künstlerische Heimat annähern. „Hier bin ich als Autorin aufgewachsen“, sagt sie. „Auch wenn es sich bescheuert anhört: Ich empfinde mich als deutsche Autorin. Meine professionelle Identität ist eine komplett andere als meine persönliche. Wir leben in einer globalisierten Welt und betrachten Identitäten sehr komplex, drum frage ich mich: Kann die deutsche Theaterlandschaft mich eines Tages als eine der Ihren anerkennen?“

Maya Arad Yasur im Münchner Volkstheater auf einem roten, rollenden Transportbrett, in Skateboardpose.

Maya Arad Yasur im Münchner Volkstheater. Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz

Diese Frage treibt sie um, immer wieder kommen wir im Gespräch und unserer E-Mail-Korrespondenz darauf zurück. Sie fühlt sich zerrissen, in professioneller Hinsicht „staatenlos“. Natürlich schreibt sie Hebräisch, ihre deutsche Stimme ist ihr Übersetzer Matthias Naumann. Aber hier werden ihre Stücke gespielt und veröffentlicht, von hier bekommt sie Stückaufträge wie zuletzt aus Memmingen. Eine Verbindung, die für das deutsche Theater eine kritische neue Stimme bedeutet – und für die Autorin wichtige Impulse: „Das deutsche Theater ist neugierig und stagniert nicht im Altbekannten. Hier riskiert man gerne was, um herauszufinden, wie man heute Theater machen kann, das sich von Film und Fernsehen absetzt.“

Theater der Versammlung

Theater heute, das ist natürlich Theater in Konkurrenz zum Bildschirm. Und Theater in Zeiten von Corona. Einer Zeit, um sich klarzumachen, warum wir Theater machen und wie wir in der Zukunft Theater machen wollen. „Einfach so weiterzumachen wie bisher hält den Patienten vielleicht am Leben, macht ihn aber nicht lebendig“, davon ist Arad Yasur überzeugt.

Das Theater muss seinem Publikum etwas bieten, was keine andere Kunstform zu bieten hat. Und das ist das gemeinsame Erlebnis. „Ich will ein Theater, das die Versammlung voraussetzt“, sagt sie. „Wenn ich 90 Prozent des Theaterabends über den Bildschirm vermitteln kann, habe ich die Mittel des Theaters nicht voll ausgeschöpft. Oder anders: Theater, das gestreamt werden kann, ist nicht genug Theater.“

Gerade schreibt sie, zurück in Israel, an einem neuen Stück. Diesmal wirft sie die Erfahrungen der Pandemie in ihr dramatisches Reagenzglas: das Opfern der älteren Generation, die Altersdiskriminierung und die Katastrophe, die Ärzte zwingt, Entscheidungen über Leben und Tod zu treffen. Ziemlich sicher wird es wieder die eine oder andere Herausforderung für das Publikum geben, das Teil eines Rätselspiels wird. Live. In einem Theater. Wahrscheinlich einem europäischen.

Maya Arad Yasur wurde 1976 in Ramat Gan (Israel) geboren. Sie studierte Dramaturgie an der Universität Amsterdam. Anschließend arbeitete sie als Produktionsdramaturgin in den Niederlanden und in Israel. Ihr Stück „Diamond Stars“ („In der Schwebe“) gewann 2010 den ersten Preis beim Dramatikerwettbewerb des ITI und der UNESCO. Mit dem Stück „Amsterdam“ gewann sie den Stückemarktpreis des Berliner Theatertreffens 2018. Maya Arad Yasur lebt in Israel.


Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.1/2021.