Das Maskenfest in „Romeo und Julia“

Politik der Liebe

William Shakespeare: Romeo und Julia

Theater:Theater und Orchester Heidelberg, Premiere:02.10.2026Regie:Bernadette Sonnenbicheler

Bernadette Sonnenbichler inszeniert zum Auftakt ihrer Intendanz am Theater Heidelberg Shakespeares „Romeo und Julia“. Auf abstrakter Bühne entwickelt sich ein existenzielles Spiel um Liebe, Hass, aber auch Traum und Alptraum.

Kein Balkon ist zu sehen, vielmehr steht im Zentrum der großen Bühne im Theater Heidelberg eine massive schwarze Plattform als Spielfläche (Bühne: Andreas Auerbach). Eingerahmt ist sie von sternenähnlichen Glühbirnen neben dem Portal, links daneben sitzen die beiden Musikerinnen Elisa Herbit (Cello) und Alexandra Lehmler (Alt- und Bariton-Saxophon). Vor der Rückwand hängen weiße Vorhänge, die zugleich Traumlandschaften und reale Räume andeuten.

Das Maskenfest im Hause Capulet, bei dem sich Romeo und Julia erstmals treffen, erscheint denn auch weniger als ein lebhaftes, pittoreskes Karnevalstreiben. Vielmehr gleicht es der Verlängerung des zweifach geträumten Traums, den Romeo (Salar Jafari) und sein:e Freund:in Mercutio (Gesa Schermuly) sich zu Beginn gegenseitig berichteten: „Du sahst ein Mädchen lächelnd vor dir stehn. Das reichte dir voll Lieb ihre Hand (…) und stand vorm Grab.“

Fröhliches Geisterspiel

Nach dem tödlichen Ende schließlich erwachen die Liebenden, Romeo und Julia (Kaya Loewe) noch einmal und verabreden sich erneut kurz – wie nach ihrem ersten Stelldichein. So werden in Bernadette Sonnenbichlers Inszenierung des Klassikers Realitätsebenen verschoben und gleichzeitig wird der Kern des Dramas herausgestellt: Eine unmögliche Liebe in einer Umgebung von Abneigung und Hass.

Die Kostüme (Justine Loddenkemper) verweisen in schwarz (Montague) und rot (Capulet) auf die zugehörige Partei, nur der Pater sticht mit beige heraus. Doch unter den Jacken, Hosen und Röcken sind alle durch Netzunterwäsche irgendwie miteinander verbunden.

Den Rahmen für das Spiel schaffen in der Heidelberger Fassung, die auf der Übersetzung von Thomas Brasch beruht und mit Texten Mithu Sanyals ergänzt wurde, zwei ältere Figuren jenseits der Familienbande(n): Henriette Blumenau pendelt als Julias Amme zwischen liebevoller Ziehmutter, dem starken Vortrag atmosphärisch rahmender altenglischen Songs und der Organisation des Spiels. Als deutlicherer Außenseiter kann Marcus Horn als Bruder Lorenzo das Spiel von außen kommentieren und beeinflussen. So ordnet er die Tragödie von Anfang an fürs Publikum als Frage nach der „Rolle von Liebe für – Verona“ ein; in einer Welt, die von Angst und Fremdheit beherrscht sei, werde die Liebe politisch.

Julias (Kaya Loewe) und Romeos (Salar Jafari) erste Begegnung. Foto: Thomas Rabsch

Zugleich führt dieser wohlmeinende, dabei um seinen Ruf besorgte Spielmacher die entscheidenden, tödlichen Züge der Tragödie aus. Er traut das sehr frische Paar und verabreicht Julia das verhängnisvolle Gift, das nicht sie, aber am Ende Romeo, der den Schein in Julias Tod nicht erkennt, zum Suizid treiben wird. Fast kommt mit dem stark gemachten priesterlichen Spiel- und Matchmaker ein theologisches, zumindest ein politisches Moment ins Spiel.

Definitiv theologisch wird es – quasi auf der Gegenseite – durch Tybalt, den grundsätzlich übellaunigen und gewaltbereiten Cousin Julias. Martin Wißner spielt die unerfreuliche Figur lustvoll aus. Noch bevor nach der Pause die Spielplattform in eine gefährliche Schräge gerät und er den (für sich selbst und Mercutio) tödlichen Streit mit Romeo provoziert, erzählt er aus dem Hintergrund der Bühne von einem existenziellen Traum: Wie nämlich Christus selbst den Toten berichtet, dass es keinen Gott gebe. Dieser Exkurs („Die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“) stammt aus Jean Pauls Roman „Siebenkäs“.

Beziehungen auf schräger Spielfläche

Die knapp dreistündige Inszenierung – übrigens Sonnenbichlers zweite Inszenierung des Stücks nach 2016 am Düsseldorfer Schauspielhaus – ist also dramaturgisch stark aufgeladen. Und sie bietet zugleich die Handlung der berühmtesten Liebestragödie überhaupt als Abschnurren der von Amme und Priester in Gang gesetzten Handlung. Zwischen rhythmisch wohl gesetzter, schneller Szenenabfolge verbindet sie nachvollziehbares, unterhaltsames Spiel mit politischer Rahmung in einer verunsicherten, aufgeregten Gesellschaft. Atmosphärische, romantische Elemente tauchen allenfalls im gut gesetzten Gesang altenglischer Lieder der Amme auf. Die Tragödie lebt über die starken Protagonist:innen auf der blanken Spielfläche – in weiteren Rollen Louis Romeu als Cousin Romeos und Marco Albrecht als Romeos Vater.

Dadurch fällt es anfangs schwer, die Familienmitglieder als Individuen einzuordnen. Erst unter Ultimaten und Drohungen an die Tochter wird „Capulet“ (Raphael Rubino) als „Oberhaupt der Familie“ in seiner patriarchalen Brutalität gegenüber Tochter und Frau (Natalie Hanslik) erschreckend erkennbar. Auch Julia ist zunächst vor allem Tochter und Objekt familiärer Pläne mit dem reichen Paris (Simon Mazouri). Doch rasch entwickelt Kaya Loewe überzeugend authentisch gespielte plötzliche Leidenschaft für Romeo. Und sie kann ihre Rolle im zweiten Teil zu einer Art Jeanne d‘Arc der Liebe profilieren, indem sie an den massiven Widerständen gegen die Familie deutlich erkennbar wächst.

Salar Jafari etabliert hingegen von Anfang an seine Figur als weltflüchtiger, „verträumter“ junger Mann. Bald entbrennt er in rascher Liebe, wird dann jedoch eher zum Spielball der Umstände und Planungen von Amme und Priester. Die Heidelberger Inszenierung schafft also ein Kondensat der Liebestragödie.

Sie bietet kein Teenager-Drama, sondern fragt grundsätzlicher nach den Möglichkeiten von bedingungsloser Liebe. Zugleich aber funktioniert diese Inszenierung zur Freude des Premierenpublikums als unterhaltsames Theaterspiel.  Am Eröffnungswochenende der Intendanz folgen weitere Premieren ganz unterschiedlicher Formate.