Das Bild ist komplett im Blauton des Musiktheaters im Revier gehalten.

Blau ist Kult

Kommando Himmelfahrt: Blau

Theater:Musiktheater im Revier, Premiere:19.09.2026 (UA)Autor(in) der Vorlage:Yves Klein, Werner RuhnauRegie:Thomas FiedlerMusikalische Leitung:Jan DvořákKomponist(in):Jan Dvořák

Zur Saisoneröffnung der neuen Intendanz von Frank Hilbrich stellt die Theatergruppe „Kommando Himmelfahrt“ am Musiktheater im Revier eine Farbe in den Fokus: „Blau“. Dabei führt sie das Publikum auf eine Hausführung der besonderen Art und bringt damit das ganze Haus zum klingen.

Alles um mich herum ist Blau. Der Teppich unter meinen Füßen, die großen Buchstaben an der Seite des Gebäudes B – L – A – U. Selbst das Publikum ist zu großen Teilen in blau erschienen, manche mit kleinen blauen Farbkleksen im linken Augenwinkel, andere in blauer Bluse, Jeans oder Socken. In meinem schwarz-weißen Outfit komme ich mir fremd vor, allein zwischen Eingeweihten. Ich bahne mir einen Weg durch die Leute, über den Vorplatz hin zu einer kleinen Bühne.

Hier steht Anke Sieloff an einem Rednerpult. Hinter ihr fünf Blasmusiker in Anzug und Fliege. Sie begrüßt das Publikum, mal singend dann in feierlichen Deklarationen. Irgendwo zwischen religiöser Predigt und Sci-Fi-Kult. Sie sei die Rektorin, sagt sie, wir ihre Schülerschaft. Heute Abend sollen wir lernen, was blau bedeutet, in all seinen Facetten. Ziel sei die sogenannte unproblematische Existenz des Menschen in der Welt, wie die Pflanze, wie das Mineral im Zustand der Trance. Dafür teilt sie das Publikum mithilfe der Eintrittskarten auf vier Dozent:innen auf: Frau Kim (L), Frau Herbst (A), Herr Gwenxane (U) und Herr Yu (B) – mein Lehrer des Abends. Der wartet bereits wie ein Touri-Guide mit erhobenem B-Fähnchen auf der Seite. Als alle ihren Weg zu ihm gefunden haben, singt er monoton mit großer Wichtigkeit: Bitte folgen Sie mir. Dann wirft er dramatisch seine Haare zurück und schreitet davon.

Hausführung in die Irre

Die Idee scheint auf den ersten Blick simpel, entpuppt sich aber als enorme Organisationsaufgabe: Komponist Jan Dvořák und Regisseur Thomas Fiedler von der Theatergruppe „Kommando Himmelfahrt“ haben eine Hausführung durch das Musiktheater im Revier geschaffen. Einen interaktiven Abend, der sich gleich vier Mal erleben lässt: Je nach zugeordnetem Buchstaben durchlaufen die Gruppen einzelne Stationen in anderer Reihenfolge, mit anderer musikalischer Umgebung und Stimmgruppe. In Gruppe B begebe ich mich mit Herrn Yu (Sono Yu) auf die Bariton-Führung.

„Blau“ basiert frei auf Texten der Gründerväter des Musiktheater-Gebäudes. Architekt Werner Ruhnau und Künstler Yves Klein. Beide standen Mitte des 20. Jahrhunderts in regem Austausch, träumten von einer Utopie, einer sogenannten „Schule der Sensibilität“. Auf der Hausführung sprenkelt Herr Yu über Gesang oder Aufnahmen immer wieder kleine Schnipsel aus diesen Texten ein. Beim Stopp im Kleinen Haus erzählt er vom „Theater der Leere“, eine ganze Inszenierung ohne Ensemble mit Übertiteln wie im Stummfilm. Darüber wird die Szene gesetzt, wir als Publikum in die Illusion einer Geschichte gezogen. Das funktioniert hervorragend, selbst als sich nach passender Ansage im Übertitel der ganze Raum mit Stille füllt. Negativ reißt lediglich ein Textschnipsel raus, der von „schönen, nackten Mädchen“ und „schönen, jungen Männern“ in Bikinis spricht. Hier hätte man durchaus einfach einen Schritt weiterdenken und „Mädchen“ durch „Frauen“ ersetzen können. 

Neue Blickwinkel

Danach geht es über die Bühne und den Backstagebereich, an Garderoben und Hinterzimmern vorbei zurück ins Foyer. Hier liegt eine weit ausgestreckte Kissenlandschaft auf dem Boden. Wir sind dazu eingeladen, uns von allen Gedanken frei zu machen. Einfach auf dem Boden liegen und die Klangkulisse genießen. Das besondere an „Blau“ und der vier-strängigen Hausführung ist nämlich, dass alles gleichzeitig geschieht und somit auch alles gleichzeitig hörbar ist. Ich kann die anderen Gruppen, die andere Musik im Theater sehen, spüren und hören. Alles fügt sich ineinander, passt zusammen als großes Ganzes. Das Musiktheater im Revier selbst wird durch die Inszenierung zum Klangkörper.

Darüber schwebt die inhaltliche Ebene, der hochgestochene Traum einer Utopie, die Träumerei in „Blau“. Stück für Stück setzt die Inszenierung etablierte Normen außer Kraft, kreiert eine Art neue Schwerkraft, ein neues „wir“. Plötzlich scheint die Affektiertheit von Herrn Yu nichts Außergewöhnliches zu sein, die einzelnen Stationen ein netter Zeitvertreib. Alles scheint gerade so wirklich, um beunruhigend zu sein. Gerade mit so viel Augenzwinkern, um mir nicht ernsthaft Angst zu machen. Von der Einstiegsrede der Rektorin an, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich mich in einer Art „Blau“-Kult befinde. Aufgelöst wird diese Idee aber nie. Das Gefühl des Schauers bleibt, die Unsicherheit, was man da eigentlich durchlebt hat. Und es ist genau diese Balance zwischen Camp und Unbehagen, die „Blau“ am Musiktheater im Revier so reizvoll macht.