Die gewählte theatralische Form ist die des Oratoriums. Im Hintergrund der leeren, nachtschwarzen Kampnagel-Bühne sitzt die vierköpfige Band. Vorne stehen zehn Mikrofone für den „Männerchor aus dem Umfeld der 68er“. Die Herren – Durchschnittsalter 66 – tragen dunkel und sehen ansonsten genauso aus, wie man sich gesund in die Jahre gekommene 68er vorstellt. Sie bewegen sich auch so – authentisch kopfgesteuert, so individuell wie linkisch. Sie singen auf Miltons Originaltexte komponierte Lieder. Sie sind Äpfel haltend der Baum der Erkenntnis. Und sie sind Satans stumme Gesprächspartner. Im einseitigen Dialog mit ihnen entwickelt er sein Rebellionskonzept. Es geht nicht ums Gewinnen, kann es ja gar nicht gehen. Gegen Gott kann man nicht gewinnen. Es geht um kleine Schritte, um Bewusstsein der Fremdsteuerung, um das wachsende Bedürfnis, sich einer „Harten Freiheit“ aussetzen zu wollen. Ein – brandaktuelles! – Ziel, das Satan selber nicht erreichen kann. Zu stark ist sein Hass.
Der kurze Abend hat keine Längen, trotz der atmosphärisch starken, aber beliebig wirkenden Videos von Carl-John Hoffmann. Er lebt von Thomas Fiedlers puristischer, fast rotzig aufs Wesentliche konzentrierter Einrichtung, von Jan Dvoraks mal rockiger, mal psychedelischer Musik, von Charme und Einsatz der zehn Laien, von Sarah Sandehs verschämt eitler Uneitelkeit. Von Miltons überraschend frischem Text. Und von sich wie von selbst ereignendem abgründigem Humor. Wenn ein Teufel in Gestalt einer jungen Frau auf offener Bühne zehn Alt-68er zur Rebellion aufstacheln will, ist das auch und vor allem – komisch.
„Paradise Lost“ erreicht nicht die Stringenz und sinnliche Kraft des Vorgängers „Leviathan“. Aber als so ernsthafte wie originelle Anleitung zum Nachdenken über uns und alles hebt sich das Projekt sehr angenehm aus den unzähligen Dekonstruktionen und Anverwandlungen epischer und lyrischer Texte heraus, die in den letzten Jahren die Bühnen überschwemmt haben.
