„Rebel Rebel“, uraufgeführt als Eröffnungsinszenierung der diesjährigen Ruhrtriennale in der Jahrhunderthalle Bochum, knüpft musikalisch an „Lazarus“ an, jenes Bowie-Musical, das im Dezember 2015 in New York uraufgeführt wurde, knapp einen Monat vor dessen Tod. Auch damals inszenierte Ivo Van Hove, und wie damals liegt die musikalische Leitung beim langjährigen Bowie-Weggefährten Henry Hey. In der Band spielen Christian Frentzen (Keys), Erez Frank (Bass), Lennart Delissen (Gitarre 1), Scheroan Zibari (Gitarre), Chris Farr (Schlagwerk) und Marc Doffey (Saxofon).
Verordnete Entfremdung
Die Geschichte um ein junges Paar, das sich in einer brutalen, dystopischen Gesellschaft gegen das Verbot zwischenmenschlicher Nähe auflehnt, stellt keine Bezüge zu Bowies Biografie her: Seine metaphernreichen, oft kryptischen Songtexte funktionieren als Projektionsfläche – und das unfassbar gut zur berstenden Chorografie von Sidi Larbi Cherkaoui. Mit den drei Solisten-Figuren Boy (Musical-Shootingstar: Diego Rodriguez), Girl (Serien-Star: Ari Notartomaso) und Gang Leader (TV-Star: Daniel Donskoy) versammelt Van Hove unterschiedliche Prominenz-Typen – stimmlich wie tänzerisch Weltklasse und in den perfekten Ensemble-Choreografien ebenbürtig den Tänzerinnen und Tänzern aus dem Umfeld von Cherkaouis Eastman-Compagnie.

Diego Rodriguez (Boy) und Ari Notartomaso (Girl). Foto: Jan Versweyveld, Ruhrtriennale 2026
Zwischen Kitsch und Erkenntnis
Wir befinden uns in einem zerstörten Irgendwo. Links und rechts verschwimmen reale, bekletterbare Container mit projizierten Containern auf einer bühnenbreiten Videoleinwand. Song-Zitate in Versalien ploppen dort auf („YOU ARE NOT ALONE“), oder es fluten überdimensionale Menschheitsthemenbilder die Bühne: apokalyptische Feuersbrünste (zu „Diamond Dogs“), zerbombte Hochhaus-Silhouetten (zu „Heroes“) oder kosmische Sternenbilder (zu „Starman“). Für Sekunden kippt das immer mal zwischen Kitsch und Erkenntnis, aber die ungebrochene Energielinie des Abends, der Wechsel aus Handlung und offen-interpretierbarer Theatralik der Songtexte ist überwältigend.

Daniel Donskoy (Gang Leader). Foto: Jan Versweyveld, Ruhrtriennale 2026
Bühnenbild, Lichtdesign (Jan Versweyveld), Videoscreen (Christopher Ash) und die fashionably-glitzernden Kostüme als Modenschau der letzten 30 Jahre (von An D’Huys) fügen sich ebenso stimmig ein, wie die in einem bühnenmittigen Quader postierte (und damit szenisch abgekoppelte) Band aus Keyboards, Gitarren, Schlagwerk und Saxofon.
Sidi Larbi Cherkaouis Bewegungsvokabular verbindet zeitgenössischen Tanz mit Elementen aus Hip-Hop, brutaler Akrobatik und geschmeidiger Schwerelosigkeit. Da werden die toten Leiber einfach weggeschleifft. Und wenn Girl in den Armen der Tänzer:innen kopfüber wie ein Delphin dahingleitet, oder die komplette Compagnie zu „This Chaos is killing me“ (aus dem Song „Hallo Spaceboy“) ausrastet und die Bühne am Ende in ein chaotisches Müll-Inferno verwandelt, dann kommt uns das Lebensthema von Bowie sehr nah: der Mensch und sein Lieben als Mysterium. Der britische Musiker verstarb mit 69 Jahren an Leberkrebs. Wie kaum ein anderer Künstler seiner Generation war er eine inszenierte Pop-Figur – und seine Bühnenkarriere immer auch Theater. Insofern hat Ivo Van Hove mit seiner Abschlussinszenierung als Ruhrtriennalen-Intendant breitenwirksam ins Schwarze getroffen.
