das Personal von „O I am slain" auf der Puppenbühne.

Krimidinner ohne Essen

Stephan Siegfried: SOKO Shakespeare

Theater:Theater Koblenz, Premiere:17.04.2026 (UA)Regie:Srephan Siegfried

Stephan Siegfried vereint in seiner Inszenierung „SOKO Shakespeare“ am Theater Koblenz Puppen- und Escape-Spiel zu einem ungewöhnlichen und sehr witzigen Theaterabend.

Die Aufführung findet im Kaisersaal des Theaters Koblenz statt. Unter einem Kaisersaal stellt man sich etwas Prunkhaftes, Historisches vor. Doch man kommt in einen rechteckigen Raum, etwa zehn Meter lang und vier Meter breit, von einem Kronleuchter erhellt und mit einem großen Tisch ausgefüllt. Auf dem Tisch ist ein Plan des Theaters aufgezeichnet. Achtzehn Zuschauer:innen nehmen an den langen Seiten des Tisches Platz. Die „SOKO“ (Sonderkommission) erscheint: Ihre Leiterin (Sophia Walther) spricht uns, das Publikum, als „Expert:innen“ an, die Kriminaltechnikerin (Tanja Linnekogel) ist vor allem Dialogpartnerin, und der Assistent (Tizian Steffen) äußert sich ausschließlich in Shakespeare-Zitaten.

Der Regisseur und Schauspieler Friedrich David Kasper ist in diesem Spiel während einer Premiere am Theater Koblenz ermordet worden. Und wir haben die Aufgabe, angeleitet und gesteuert von der SOKO, den Mord aufzuklären. Dafür müssen wir Hinweise aufspüren und auswählen. Das führt auch zu Bewegung auf dem Tisch: Mit Bindfäden werden Wege nachgezeichnet, mit einer UV-Taschenlampe Blutflecken entdeckt. Kleine Requisiten – Schränke, Spiegel, eine Puppe –, jedes ein kleines Kunstwerk, erscheinen wie von Zauberhand – oder einfach so – auf dem Tisch und geben Hinweise preis.

Puppenspiel als Videomaterial

Zusätzlich muss das Publikum, also der Expert:innenrat, Videomaterial anschauen. Ein Zuschauer wird dafür mit einer „Fernbedienung“ ausgestattet – einem Stück Holz. Damit kann er, wenn er „Play“ ruft, Videos „abspielen“, aus dem Archiv der SOKO oder aus den Hinweisen (wenn sie auf USB-Stick vorliegen).

Diese „Videos“ werden live gespielt – das ist der Clou des Abends und der entscheidende Einfall von Regisseur Stephan Siegfried – von Puppen, die von Linnekogel, Steffen und Walther brillant geführt werden. Am Ende des Raumes befindet sich ein Paravent, darüber findet das Puppenspiel statt. Die Holzhandpuppen von Christof von Büren sind grandios einfach und ausdrucksstark. Diese „Einspielungen“ zeigen unter anderem eine Konzept-, eine Durchlaufprobe und die Premiere des Stückes „O I am slain”. Das Puppenspiel ist toll, weil es unterschiedlich ist: Am Anfang sind die Schauspieler:innen nicht bei der Sache und sehr rebellisch. In der Durchlaufprobe finden sie sich in die Inszenierung ein und bei der Premiere sind sie voll da. Das ist unglaublich genau gespielt und für sich ein großer Genuss.

Das Stück ist Nebensache

Das aufgeführte Stück hingegen ist Nebensache. Es besteht aus Shakespeare-Zitaten und hat fünf Figuren: Lord und Lady Macbeth, Claudius und Gertrud aus „Hamlet“ und einen Geist, der vom Regisseur und Mordopfer gespielt wird – offensichtlich ein eitles Ekel. Auch Pförtner, Maskenbildnerin und Kantinenwirtin werden von der SOKO „verhört“. Sie liefern Hinweise, verwirren die Zuschauer:innen und führen sie untereinander ins Gespräch.

Die Schau- und Puppenspieler (v. l.) Tizian Steffen, Sophia Walther und Tanja Linnekogel. Foto: Arek Głębocki

Die Organisation des Publikumsgesprächs während der Aufführung ist, neben dem Puppenspiel, die Hauptattraktion von „SOKO Shakespeare“. Aber diese Publikumsführung bleibt bei der Premiere noch etwas hektisch und statisch mit zu wenigen Pausen. Wir werden durch die Hinweise geführt und haben nicht genug Zeit, selbst Lösungen zu finden oder auf den rettenden Gedanken zu kommen. Und die Lösung – sie wird hier nicht verraten – ist mir als Zuschauer und „Experte“ zu einfach.

Theater als Gesellschaftsspiel

Trotzdem ist es ein schönes, witziges Erlebnis, diese „SOKO Shakespeare“. Sie verknüpft Theater und Gesellschaftsspiel – sozusagen ein Krimidinner ohne Essen. Als Zuschauer:in bist du nicht nur Teil der Aufführung, du steuerst sie aktiv mit und lernst deine Mit-Zuschauer:innen ein wenig kennen. Und gehst mit einem sehr guten Gefühl nach Hause. Das Theater Koblenz, das im Moment renoviert wird und seine große Bühne nicht zur Verfügung hat, hat etwas gefunden, womit es seine Zuschauer:innen bei der Stange halten kann – ein Format, das kein anderes Theater hat.