Foto: „Eat My Fear“ am schauspiel erlangen © Tanja Dorendorf
Text:Roland H. Dippel, am 19. Juni 2026
Die Uraufführung von „Eat My Fear“ von Caroline Finn Am schauspiel erlangen ist rundum ein Erfolg. Im ikonischen Lynch-Bühnenbild wird das Tanztheaterstück mit Präzision von Team und Ensemble zur packenden Hommage an den Film-Künstler.
Für eine Hommage an den gerne mal Drehtage mit Drehwochen und kurze mit langen Spieldauern verwechselnden Postmoderne- und Postavantgarde-Guru David Lynch kamen die idealen Mitwirkenden zusammen. Diese Uraufführung geht trotz des formal und dramaturgisch hochgesteckten Anspruchs nicht in die Binsen, sondern voll durch die Decke.
Die Choreografin Caroline Finn und der digital-analoge Sounddesigner Albrecht Ziepert sind erfahren in der freien Szene, spartenübergreifenden Festivals und subventionierten Mehrspartenhäusern. Beide und das optimal durchmischte, sich auf die Herausforderungen einlassende Ensemble des schauspiels erlangen legen mit fokussierter Energie los. Und das in einem „Tanztheaterstück“ für ein Darstellenden-Corps, dessen Kernkompetenzen eigentlich im Sprechtheater liegen. Dazu kommt der Chor acquire – mädchenchor erlangen des Christian-Ernst-Gymnasiums Erlangen. Intensiver kann die Verbindung künstlerischer Mehrsparten-Ambitionen nicht sein – noch dazu an einem spröden bis gefährlichen Sujet: Die filmische Eisesglätte des im Januar 2025 verstorbenen Multi-Artisten Lynch reibt sich am gemütlich wirkenden Rahmen des Markgrafentheaters – und passt trotzdem.
Packende Wirkung
An die zehn Szenerien aus Lynch-Filmen gehören zu ikonischen Orten für das kollektive Gedächtnis des 21. Jahrhunderts. Natürlich kommen die Vorhänge des roten Zimmers aus „Twin Peaks“ und Andeutungen des Mobiliars aus „Eraserhead“ ins Bühnenbild, mit sparsamer und artifizieller Dosierung auch im Video (Romane Ruggiero). „Eat My Fear“ wird nicht zur hohlen Reproduktion, denn Finn und ihr choreografischer Mitarbeiter und Dramaturg Romain Guion packen das Phänomen Lynch an den gedanklichen Wurzeln. Sie kommen zu spannenden und wunderbar assoziationsreichen Szenenfolgen. Keine der 100 pausenlosen Minuten ist zu viel oder gerät zu lang. Dass man am Ensemble unverkennbar den Spirit von Pina Bausch erkennt, steigert die Anerkennung für die Gesamtleistung.

„Eat My Fear“ am schauspiel erlangen. Foto: Tanja Dorendorf
Gespart wurde bei diesem Tanztheater nicht, während an größeren Häusern um den Tanzteppich für die Ausstattung oft weitaus weniger übrig bleibt. Im kleinen historischen Hufeisentheater ist es von packender Wirkung, wenn die Figuren aus dem abgesenkten Orchestergraben hochsteigen, Dekorationsteile hinter den roten Vorhängen sichtbar werden und einen Barraum à la Edward Hopper freigeben. Till Kuhnert gestaltete die relativ kleine Bühne mit intelligenter Fülle, was etwas ganz anderes ist als Brechstangen-Opulenz aus klammen Kassen. Dass an diesem explizit queer-affinen Haus sich zwischen den Pfadfinderinnen des Mädchenchors und dem Ensemble in schwarzen Anzügen und weißen Perücken vielschichtige Assoziationen zwischen Nähe und Normativität auftun, versteht sich.
Messerscharfe Präzision
Das Beste aber ist, dass alle in ihren Bewegungen und Sprechtexten aus der Zeit fallen und diese Entzeitlichung poetisch in den Zuschauerraum segelt. Die „kreisenden Bewegungen“ der Zeit werfen im Hier und Jetzt des Geschehens Fragen auf, deren „Antworten bis gestern“ fällig waren. Das Ensemble lässt sich auf die wenigen, und deshalb wirkungsvollen Parallelbewegungen mit affiner Kantigkeit ein. Sie alle sind großartig, schlüpfen mit atemberaubender Geschwindigkeit aus den Anzügen in andere Charaktere. Juliane Böttger, Birgit Bücker, Kai Götting, Tobias Graupner und Hermann Große-Berg wachsen mit ihrer Präsenz, wenn sie von den Mauern des Zeitumfelds sprechen und den Verlust der Mitte artikulieren. Im Raumvakuum agieren sie kühl – mit disziplinierter Bewegungsindividualität. Tatsächlich entsteht ein respektvoller äußerer Rahmen und in diesem ästhetische Herausforderungen, die Finn mit Eigenständigkeit meistert.

„Eat My Fear“ am schauspiel erlangen. Foto: Tanja Dorendorf
Der von Philipp Barth bestens einstudierte und zu beredter Mimik angehaltene Mädchenchor schmiegt sich in diesen starken Lynch-Schaukasten. Fast scheint es, als meine Intendant Jonas Knecht die Umbenennung von Theater Erlangen in schauspiel erlangen ironisch. Kaum ein Einspartentheater ist derzeit so fluid zwischen Konzert-, Tanz- und Sprechtheater unterwegs. „Eat My Fear“ demonstriert diese anspruchsvolle Offenheit mustergültig. Keines der Mittel in dieser Uraufführung wirkt beiläufig. Alles ist aufeinander bezogen, inhaltlich fundiert und mit messerscharfer Präzision erarbeitet. Es gibt genau so viele Bewegungen wie möglich und so viel Enthusiasmus wie nötig. Diese Balance macht den Abend cool und substanziell. Atmosphäre und Fluidum sitzen bravourös.