Noch vor dem offiziellen Start der Aufführung startet der Schauspieler Ole Lagerpusch in die erste Nummer, geschrieben vom Hamburger Allrounder UWE, inspiriert von den Themen des Stückes und begleitet von Live-Musiker Matthias Jakisic. „Sie spielen wieder Molière / Und alle nur so yeah“, geht einer der denkwürdigen Reime, ein anderer: „Reicher weißer Mann, du lernst es nie / Das Leben ist zu kurz für Longevity“.
Lagerpusch rockt diese erhabene erste Viertelstunde in seiner Rolle als Dichter Oronte, dessen Verskünste später vom Titel-Antihelden Alceste verschmäht werden. Das Beste daran: Auf der Bühne des Salzburger Landestheaters ist eine Tribüne für knapp 200 Leute aufgebaut, zwei Publikumsgruppen sitzen einander also gut beleuchtet gegenüber. Der Anblick verdatterter Festspiel-Society-Gesichter macht diesen Einstieg locker zum Highlight des österreichischen Theaterjahres.
Molière als Dreiteiler
Was folgt, erfreut aber ebenso. Erst Teil II, eine experimentelle, musikalisch untermalte Video-/Licht-Show mit Kackhaufen-Emojis und anderen digitalen Auswüchsen des gegenwärtigen Gesellschaftsdaseins, und dann doch noch: Molière. Jette Steckel, die für wuchtige, oft politisch aufgeladene Abende bekannt ist – ihr Münchner „Mephisto“ gastierte diesen Mai beim Theatertreffen –, hat einen für sie ungewöhnlichen Autor, einen handlungsarmen Text gewählt. Molières „Menschenfeind“ ist kleinliche Intrige, küchenphilosophisches Kammerspiel und viel Dialog, der sich – auch in dieser Übersetzung vom 2024 verstorbenen Vater der Regisseurin, Frank-Patrick Steckel – kunstvoll reimt.

Matthias Jakisic spielt Musik. Foto: SF/ Armin Smailovic
Tatsächlich hat das Geschehen in einem schmalen Rahmen aus leuchtenden Feldern Platz (Bühne: Florian Lösche). Der zwingt die Mitwirkenden zu viel Spiel im Profil beziehungsweise zu häufigem Umdrehen, um beiden Publikumsseiten gleich viel Facetime zu gönnen. Ein Augenschmaus sind alle acht, weil Kostümbildnerin Pauline Hüners auf die irrwitzige Idee kam, sie jeweils von Kopf bis Fuß in eine einzige, knallige Farbe zu tauchen – Kleidung, Schuhe, Frisur, Gesicht. So wirken die Figuren im grellen Lichtdesign von Paulus Vogt und Doria Worden bisweilen wie ihre eigenen monochromen Memojis – personalisierte Avatare im künstlich hochgejazzten Eloquenzkampf um die moralische Oberhand.
Buntes Figurengeflecht
Alles ächzt unter dem moralinsauren Ehrlichkeitswahn von Alceste, den André Szymanski (rotbraun) mit bemerkenswert unaufgeregter Selbstsicherheit ausstattet: kein rumpelstilzchenhafter Wüterich, einfach nur prinzipientreu. Man ist mitunter geneigt, seinen pessimistischen Gesellschaftsanalysen zuzustimmen. Die Menschen um ihn herum jedoch reagieren frustriert bis belustigt: Seine Geliebte Célimène (Maja Schöne, eierschalenweiß) treibt er mit seiner Eifersucht in die Arme Orontes, des Poeten in Pastellrosa, der nach dem Bombenauftritt zu Beginn sowieso alle Herzen auf seiner Seite hat.
Alcestes bester Freund, gewitzt gespielt von einer Yves-Klein-blauen Barbara Nüsse, empfiehlt ihm, sich stattdessen der schlichten, reinen Seele Éliante zuzuwenden (Cathérine Seifert, knallrot), erobert diese dann aber mittels leiser Demut selbst. In Gelb, Violett und Orange ergänzen Camill Jammal, Cino Djavid und Lisa Hagmeister als Lästermäuler die Palette. Sprachlich und gestisch durchwegs erste Sahne, verleiht Steckels Ensemble der potenziell drögen Parade der Besserwisser Substanz, Heutigkeit und sogar Sinnlichkeit.
Gewiss werden manche die inhaltliche Notwendigkeit der Teile I und II in Zweifel ziehen. Auf einer Metaebene formen sie aber durchaus die Art und Weise, wie das Publikum seine Aufmerksamkeit auf Teil III, das eigentliche Stück, richtet. Auch in dieser Hinsicht hat Jette Steckel Molière einen Gefallen getan. Möge ihr exorbitanter Kunstgenuss das spießige Salzburg aus den Sesseln reißen!
