zwei Personen in der Hocke auf einer Bühne

Fröhlicher Abschied

Peter Handke: Schnee von gestern, Schnee von morgen

Theater:Salzburger Festspiele, Premiere:27.07.2026 (UA)Regie:Jossi Wieler

Peter Handkes komplexer Monolog „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ wurde bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. In Jossi Wielers Regie bringen Marina Galic und Jens Harzer die Lebenssprachreise des Autors zu spielerischem Glanz.

Der emotionale Höhepunkt der Premiere folgt am Ende, vielmehr nach dem Ende. Beim Schlussapplaus wird der greise Dichter von Regisseur Jossi Wieler auf die Bühne geleitet. Fidel und vom Alter gezeichnet steht er – dessen Werk dem Kritiker vor Jahrzehnten als frisch wirkender Schulstoff erstmals begegnete  – schüchtern und zufrieden da. Und grüßt zum Abschied mit dem Gehstock freundlich winkend oder ironisch drohend das stehende Publikum.

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Das zuvor uraufgeführte Stück „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ ist ein Abschiednehmen des Dichters: „Aber die Wette des geglückten Lebens kannst du nur verlieren, fröhlich“, lautet ein zentraler Satz. „Oder auch nicht“: Diese Wendung beschreibt die illusionslose Einstellung des sprachspielmächtigen Flaneurs durchs Leben. Im schmalen Text, einem mehrstimmigen Monolog spaziert der Sprecher durchs Leben: Kindsein, ironische Horoskope, hinterfragte Sprichwörter, Zwischenbilanzen der Existenz, dabei nie autobiografisch, vielmehr im Wort und der Literatur lebend.

Duett auf höchstem Niveau

Tschechows Erzählung „Die Steppe“ um einen Jungen auf großer Reise zieht sich wie ein Leitmotiv durch das Stück. Anspielungen auf große Gestalten der Literatur wie Odysseus oder Faust machen das Werk zu einem aus der Zeit gefallenen, fordernden und exklusiven Les-, Hör- oder Sehvergnügen. Auch die selten zur Klarheit eines Jelinek- oder Bernhard-Textes tendierenden Formulierungen verlangen Geduld, bieten keine Überwältigung. Vielmehr prägt eine tiefe Entspanntheit gegenüber der Welt die Ansichten des Wanderers durchs Lebens des Autors. Der früher zuweilen als Eigenbrötler eingestufte Literaturnobelpreisträger, hat sich politisch auch schon böse verrannt.

Die Uraufführungsz-Inszenierung des Berliner Ensembles in Kooperation mit den Salzburger Festspielen ist ein Duett von Marina Galic und Jens Harzer. Anja Rabes (Bühne und Kostüme) hat den beiden schwarze Gewänder angepasst. Zwischen Eleganz und Godot-ähnlicher Verkommenheit, als Trauergesellschaft oder schlicht als Existenzialist:innen bespielen sie zwei Stunden lang im Salzburger Landestheater die Bühne. Diese weist am Boden Ruinen gescheiterter Aufbauten oder noch zu beseitigende Reste einer weißen Wohnungseinrichtung auf.

in einem weiße Rahmen dicht gedrägt zwei Personen auf einer Bühne

Marina Galic, Jens Harzer. Foto: SF/Ruth Walz

Sprachlich, rhythmisch im Wechsel der Tempi und im gemeinsamen Zusammenspiel agieren beide auf höchstem Niveau. Sie bringen den zwischen Abstraktion und persönlichem Bekenntnis pendelnden Text von Beginn an zum Tanzen. Mit sanften, eingespielten Zwischentönen von Maultrommel, fernen Kinderrufen oder Vogelzwitschern gliedert die Inszenierung Jossi Wielers die Szenen (Musik: Biber Gullatz). Nur selten, zum Beginn eines neuen Abschnitts macht es Mühe, in den neu aufgenommenen Gedankenstrom einzusteigen.

Ideale Uraufführung

Selbst die etymologischen Ausflüge erhalten im Spiel der Beiden Gestalt: Wenn sie nebeneinander sitzend, mögliches Sich-Umsetzen andeutend vom „Dual, die Zweizahl“ als schon im Altgriechischen verschwundenen Numerus jenseits von Einzahl und Mehrzahl zu sprechen kommen. Galic und Harzer machen hier und immer wieder aus dem Wort ein gemeinsames Spiel, lassen Utopie fast real werden.

Jens Harzer spielt noch etwas näher an der Figur des Dichters als der intensiver die Welt spielerisch in Frage Stellende. Marina Galic übernimmt eher die Rolle des rückfragenden Ichs, der Horoskope einstreuenden Anstifterin, der kleine Umbauten im Chaos organisierenden Figur. Am Ende berichtet sie als „sein Erzähler, und dann sein Chronist“ vom Verschwinden des Ichs: „Der Kreuz-und-Quer-und-Querfeldeingeher lebt nicht mehr hier“, ist im Wald verschwunden oder wird als „Schemen“ noch einmal gesehen. Jens Harzer, der kurz zuvor abgegangen war, taucht kurz vor Schluss wieder auf; die beiden Stimmen teilen sich wieder das Ende – bevor der glückliche Dichter nach der Premiere auftauchte.

Das undramatische Stück – „nur nichts dramatisieren hier“ – findet im Spiel von Jens Harzer und Marina Galic, in der Regie von Jossi Wieler die ideale Uraufführung: als bewegtes Sprachspiel auf den Spuren eines Textes, der die Nicht-Feststellbarkeit zum Programm erhebt. Während in Peter Handkes fast 60 Jahre altem „Kaspar“ Sprachskepsis überwiegt, hat sich der gealterte Autor freigeschrieben, genießt nun das Spiel mit den Bedeutungen. Vor kurzem hat Roberto Ciulli als altersentspannter Regisseur Handkes 1982 in Salzburg aufgeführtes (Nicht-)Drama „Über die Dörfer“ zu einer meditativen Feier der Entspannung genutzt.

Und vor einigen Monaten war die Uraufführung eines allerdings ausdrücklich autobiografischen Selbstrequiems von Rainald Goetz zu sehen. Ob „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ Geschmolzenes der Vergangenheit oder gar der Zukunft (Futur II) beschreibt: Das dichterische Werk wird bleiben.

Drei Personen beim Schlussapplaus auf der Bühne

Schlussapplaus: Jens Harzer, Peter Handke (Autor), Marina Galic. Foto: SF/Marco Borrelli