Foto: Marco Matthes, Volker Muthmann, Bastian Dulisch, Ronny Thalmeyer, Gaby Dey,
Daniel Mühe und Nathalie Thiede am Deutschen Theater Göttingen. © Georges Pauly
Text:Jan Fischer, am 8. September 2026
Aus Intendantenhänden: Erich Sidler inszeniert am DT Göttingen Rebekka Kricheldorfs „Welcome to Schöny – please get the fuck out!“, in dem sich ein weltgewandter Mikrokosmos entspinnt.
Hübsch in Schöny an der Brrrda. Berge, Meer, historische Innenstadt. Und ein Wallfahrtsort ist das Städtchen auch noch. Klar, hin und wieder rutscht mal wer beim Selfie aus und stirbt. Aber das ist halt der Preis, den man für den Tourismus zahlt. Genau wie Wohnraumknappheit, die hohen Preise, die wenigen Geschäfte, die keinen Plastiknippes verkaufen. Das Aussterben des Auerhuhns, der ganze Lärm von Rollkoffern, die über das historische Kopfsteinpflaster gezerrt werden. Der Lärm der Kreuzfahrtschiffe und, naja, die Touristen. „Das Einzige, was schlimmer ist als Junggesellenabschiede“, sagt der Wirt des Dorfrestaurants „Fidele Makrele“, „sind Junggesellinnenabschiede.“
Keine Touristen sind auch keine Lösung
Kurz also: Man ist in Schöny nicht so hundertprozentig überzeugt, dass sich das mit den Touristen lohnt. Gerade auch, weil es viel mehr geworden ist, seit die eine weltweit bekannte Serie in der Stadt gedreht wird. Klar, sie bringen Geld. Aber auch Ärger. Das wiederum soll der Destinationsmanager Marvin regeln, für viel Geld eingekauft von der Bürgermeisterin. Aber auch der schafft es nicht, die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schönys miteinander zu vereinen – auch, weil der korrupte Luxushotelbesitzer Terry Xanadu dazwischenfunkt. Abhilfe schafft dann die Protestgruppe „Stiefkinder des Konsums“, die eine Volksabstimmung initiieren. Auf dessen Basis Schöny dann mit einer Null-Tourismus-Politik beginnt. Und da gehen die Probleme erst los: Zwar werden die Wohnungen billiger und das Dorf ruhiger. Es hat aber auch niemand mehr Arbeit. Die Innenstadt stirbt aus, einige der Dorfbewohner:innen werden in ihrem Frust in die Arme rechter Gruppen getrieben. Man kennt es.
Mit Kalauern in die große Welt
Rebekka Kricheldorfs Text ist – wenn auch mit exzellenten Kalauern durchzogen – eine Art Denkschrift über den Tourismus. Muss Tourismus alles kaputt machen, was er findet? Ist unser Leben wirklich so elend, dass wir ihm für drei Wochen im Jahr davonlaufen müssen? Hat Tourismus nicht immer auch etwas Kolonialistisches? Gibt es ein Recht auf Fernreisen? Geht das alles nicht auch nachhaltiger, fairer? Schöny gerät dabei zum Mikrokosmos für die Welt. Eine Destination mit den Problemen Venedigs und denen Hallstatts, ein Exempel zwischen Dubrovnik und Santorin. Erich Sidlers Schöny ist dabei sehr zurückgenommen – vorne eine grün bewachsene Steigung, die Meer oder Berg sein könnten, dahinter eine Leinwand, auf der der anfangs blaue Himmel sich zusehends bezieht. Haufenweise Projektionsfläche also.

Im Vordergrund: Bastian Dulisch, Nathalie Thiede, Daniel Mühe und Marco Matthes. Im Hintergrund: Volker Muthmann, Ronny Thalmeyer und Gaby Dey. Foto: Georges Pauly
Vieles an „Welcome to Schöny“ kommt aus dem Text, der sich seinem Thema mit fast schon erbittertem Wortwitz nähert. Und dem Ensemble, das diesen Wortwitz mit der Trockenheit eines drei Tage alten Sandkuchens abliefert. „Welcome to Schöny“ schwankt dabei zwischen ernstem Thema und Witz und versucht eine leichtfüßige Gratwanderung. Das klappt soweit ganz gut: Die Pointen sitzen, das Thema vielleicht nicht so sehr – aber Übertourismus ist auch etwas, was den Menschen in Göttingen vielleicht nicht unbedingt auf den Nägeln brennt.
Wenig befriedigende bittere Pointe
So oder so: „Welcome to Schöny“ versucht sich einem eher weniger vom Theater beachteten Globalisierungsphänomen zu nähern, ohne Witz zu verlieren. Allerdings auch, ohne wirkliche Lösungen anzubieten. Als Deus-ex-machina darf am Ende zwar ein Erzähler alle Dorfbewohner:innen einem Happy-End zuführen und den Tourismus mit der Macht über den Plot nachhaltiger und weniger ausbeuterisch gestalten, aber so ganz befriedigend ist das forcierte Ende nicht. Soll es vielleicht auch nicht sein: Vielleicht ist die bittere Pointe einfach, dass sich ohne ein Wunder die Probleme nicht lösen lassen. Jedenfalls nicht, solange viel Geld in den ungewünschten Besucherströmen steckt. Also, was? Lieber zuhause bleiben? Oder gleich Städte als „Chronotopien“ komplett neu denken? So oder so ist „Welcome to Schöny“ eine bitterernste Komödie, die so lange Spaß macht, bis man merkt: Ich selbst bin jeden Sommer Teil des Problems.