Zwischen Tatensturm und Ideenfülle
In Klieferts jüngstem Stück treten die beiden heroisierten, geheiligten und in den letzten Jahrzehnten zunehmend kritisch hinterfragten Koryphäen direkt auf. Sie haben im Schiller Theater mit Beginn bei ihrem „Rudolstädter Handschlag“ eine überaus lebhafte Interaktion. Der Titel „Das Stück vom Glück“ liegt wie eine regenschwere Wolke über dem Text: Ist dieses „Glück“ die Freude am Schaffen, der geistvolle Austausch, eine erfüllte Freundschaft oder die Erfüllung durch Forschen und Erkennen? Der Versuch dieses wortreichen Zweipersonenstücks ist gelungen. Es gibt nur wenige Abschweifungen in das Privatleben des zum Zeitpunkt ihres Kontaktbeginns 45-jährigen Johann Wolfgang von Goethe und des zehn Jahre jüngeren Friedrich Schiller. Wesentliches wird gestreift, weil Vollständigkeit bei dieser Themenstellung gar nicht möglich wäre. Trotzdem bleibt es nicht beim bloßen Textaufsagen. So wird das Publikum zum Weiterdenken gedrängt.
Klieferts Konstrukt aus Wissensmengen und Tempo setzt einige Klippen zwischen Lexikon-Theater und Kostüm-Stück. Beide Pole werden fast ohne Scharten umschifft. Goethe und Schiller befinden sich in einem anthrazitfarbenen Raumkasten. Die beiden Rednerpulte und Stühle atmen restaurierendes Museumsdesign der 1990er Jahre. In kleinen Fensterschlitzen lässt es Ronald Winter durch bunte Folien leuchten. Ein Standglobus steht für jene Welt, deren chemischen und sozialen Zusammenhalt der für Naturwissenschaften affine Geheimrat Goethe und der Jenaer Geschichtsprofessor Schiller erkunden. Dieser Globus ist Requisit und Symbol für den Tatensturm und die Ideenfülle der beiden. An ihm erläutert Goethe auch den Ausgangspunkt für seine Farbenlehre.
Freundschaft und Diskurs
Die beiden Dichterfürsten kleidet Winter mit deutlicher Zitiergenauigkeit wie auf berühmten Porträts. Schiller trägt den roten Gehrock und hellblonde Schillerlockenpracht wie bei Gerhard von Kügelgen. Goethe hat einen güldenen Gehrock und schaut ebenfalls aus wie auf dem Kügelgen-Porträt – also im Zenit seiner Reifejahre, aber ohne die Hybris des Titans von Weimar. Auch die Pose von Ernst Rietschels Weimarer Goethe-Schiller-Denkmal lässt Kliefert die beiden Schauspieler mehrfach ansteuern. Das Zweipersonen-Lehrstück bleibt mit 85 Spielminuten und Pause unter den avisierten zwei Stunden, was die genau richtige Dauer ergibt.
Marcus Ostberg und Jochen Ganser wirken beide weitaus älter, als es die beiden gesundheitlich schwer angeschlagenen Geistesfreunde von 1794 bis zu Schillers frühem Tod 1805 waren. Ostberg charakterisiert Schiller leicht kantig, mit unstetem Blick und fordernden Gesten. Dessen Pockennarben hat man dem Publikum erspart. Damit setzt man in der Spielstätte Schminkkasten die Idealisierungen der Schiller-Hagiographie vor 1945 fort. Gansers in die Ferne schweifende Blicke haben eine verständnisvoll offene Wärme. Diese lässt sich mit der immer wieder erwähnten Unnahbarkeit Goethes allerdings schwer vereinen. In Gesten und Posen zeigt die Inszenierung, dass diese Freundschaft nicht frei von Aversionen und rasch überwundenen Missverständnissen ist. Die Diskursbereitschaft beider auf intellektueller Augenhöhe überwindet jedoch alle Animositäten.
Am Puls der Zeit
Erfreulicherweise verlängert sich „Das Stück vom Glück“ nicht durch ausufernde Erklärungsmengen. Schulklassen sollten es nur nach vorheriger Einführung besuchen. Dafür werden Jugendliche und Kulturreisende mit der Erkenntnis belohnt, wie aktionsintensiv und am Puls der Zeitgeschichte Goethe und Schiller dachten, schrieben und agierten. Der Säuglingstod von Goethes Sohn und Schillers Sehnsucht nach Kontakten werden erwähnt. Die enge Verzahnung der Xenien-Verse, die gegenseitige Supervision zur Entstehung der „Wallenstein“-Trilogie und des in seiner zackigen Anlage unvollendbaren „Faust“ geraten zu Ruhepunkten in der eiligen Akkumulation von Begebenheiten und Repliken.
Dieser informationsreiche Abend muss nicht in einer einzigen Vorstellungsserie abgefrühstückt werden. Er könnte mit geschickter Lancierung zum langjährigen Dauerbrenner der gesamten Kulturregion werden. Dies ist das Verdienst der zwei Darsteller. Im Kostüm kommen sie landläufigen Vorstellungen sehr nahe und nehmen im Spiel eine unspektakulär individuelle wie detailversessene Haltung ein.
