Zwar gibt es eine Zuschauertribüne mit Blick auf einen Wrestling-Ring. Doch hinter der Tribüne befindet sich hoch oben eine Art Wohnzimmer der olympischen Götterfamilie. Hier stellen sich Zeus, Hera, Athene, Aphrodite, Prometheus, Dionysos und Hermes vor, per Live-Video auf zwei Bildschirme hinter dem Kampfplatz übertragen. Dahinter, wo normalerweise die Bühne ist, finden sich Kammern mit Grotten oder anderen Räumen, auch eine kleine Perspektivbühne. Nach Ansagen der durchs vierstündige Spiel führenden Pandora wandelt das Publikum in diesem „Abenteuerspielplatz von antiker Größe“ zu ausgesuchten Stationen, besucht Figuren wie Herakles, Phaeton oder lässt sich von Kassandra Tarot-Karten legen.
Geschichte als Wrestling-Kampf
In einer Trash-Comic-Ästhetik, die stark an Bühnen und Kostüme von Ersan Mondtag oder Vinge/Müller erinnert, entsteht in der Bühnenwelt von Alexander Naumann und in den Kostümen von Josa Marx, untermalt durch die Live-Musik von Jens Dohle, ein Spielplatz für Mannheimer Antikenspiele. Textlich konzentriert bietet Christian Weises Inszenierung unter dem Deckmantel eines Rummelplatz-Spektakels mit Wrestling-Kämpfen, Privat-Vorführungen für Kleingruppen und verknappter Tragödien einen unterhaltsamen Crashkurs der ollen Geschichten. Angefangen mit dem Kampf der Titanen, später bei Kämpfen des Herakles, dann auch beim Bruderkampf aus „Sieben gegen Theben“ – dem Vorspiel der Bestattungstragödie „Antigone“ – sehen wir gefakte Kämpfe, werden aber auch en passant mit Platons Eros-Erzählung aus dem „Symposion“ im Video versorgt.

Bei Ödipus zu Haus (v.l.n.r.: Kevin Krougliak als Polyneikes, Shirin Ali als Ödipus, Fabian Dott aos Antigone, Paul Simon als Eteokles und Bruno Akkan als Ismene). Foto: Christian Kleiner
Dem großen Ensemble mit fast allen Schauspieler:innen des Theaters gelingt es, in grell überzeichneter Sandalenfilm-Optik wiedererkennbare Figuren zu zeichnen. Motive werden nur angerissen und Unvollständigkeit ist Programm angesichts der Parallelstationenspiele bei den Heldengeschichten, bei den Odysseus-Irrfahrtstationen und schließlich bei den dramatischen Höhepunkten des Atridenschicksals in der „Orestie“. Zugleich umfasst dieser „Kampf der Titanen“ im Geiste des deutschen Nacherzählers griechischer Mythologie, Gustav Schwab, einen großen Teil der klassischen Geschichten.
In einer „Extended Version“ wird das Stück, gleich zur zweiten Vorstellung am Folgetag, gar noch mit „Medea“ und „Bakchen“ als sechs Stunden-Verison angeboten. (Der bürokratische Bakchos-Gegner Pentheus bringt in der Mannheimer Textversion einen neuen Ton in die Euripides-Tragödie.)
Großes Spektakel, unmögliche Ambition
Das Spektakel ist so unterhaltsam wie herausfordernd. Oft kommt es nicht über die Illustration bunter Geschichten hinaus. Die „Antigone“ auf dem Hof wirkt auf Kothurn und hinter großen Gesichtsmasken dramaturgisch eher ziellos. Das Ende der „Orestie“ – ohne jede demokratische oder göttliche Intervention der Athene – wirkt trist, auch etwas planlos. Und doch gibt es immer wieder schauspielerische Höhepunkte: Shirin Ali ist eine souverän-begeisterungsfähige Pandora, Paul Simon referiert comedyhaft als Hektor packend die Geschichte des Trojanischen Krieges. Auch das vom schwäbelnden Hermes (Maria Munkert) moderierte Ehegespräch zwischen Zeus (Patrick Schnicke) und Hera (Sandro Šutalo) transferiert die ferne Geschichte so souverän wie komisch ins Heute. Und das gesamte „Ödipus“-Drama als Unterschichten-Soap mit Shirin Ali in der Rolle des selbstbesoffenen, im Grunde total unsicheren Patriarchen ist eine wunderbare, konsequente Neudeutung, die beweist, wie zeitübergreifend stabil die Vorlage des Sophokles ist.
„Kampf der Titanen“ ist ein Schaukampf aus antiken Geschichten und Tragödien. Da franst (nicht nur im unpräzisen Titel) vieles aus, wird aber auch viel geboten. Interessant könnte die Probe sein, ob etwa der originelle „Ödipus“ als eigenes Kammerspiel vielleicht noch intensiver wirken könnte als im bunten Vielerlei des unterhaltsamen Spektakels.
