Alle stehen um die alte Dame (Puppe mit roten Haaren) herum, die einen schwarzen Panther dabei hat.

Unversöhnlich traurig

Gottfried von Einem / Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame

Theater:Gärtnerplatztheater, Premiere:03.07.2026Regie:Nikolaus HabjanMusikalische Leitung:Michael BalkeKomponist(in):Gottfried von Einem

Am Gärtnerplatztheater inszeniert Nikolaus Habjan „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt als Oper mit Musik des Komponisten Gottfried von Einem. Die Inszenierung gelingt mit herausragender Musik und überzeugendem Ensemble.

Weiter geht’s in Intendant Josef E. Köpplingers umfangreicher Parade mit österreichischem Musiktheater am Gärtnerplatz! Internationale Opern-Zeitgenoss:innen oder ein Jubiläum wie der 100. Geburtstag des für München bedeutenden Hans Werner Henze scheinen neben Johanna Doderers mäßiger Turrini-Vertonung „Der tollste Tag“ und zwei von Einem-Produktionen innerhalb weniger Spielzeiten etwas unterbelichtet. Diese Beobachtung betrifft nur die Werk-Entscheidungen, nicht aber die meist spannenden wie ernstzunehmend unterhaltsamen Resultate.

Ein bitteres Versprechen

Auch die 1971 an der Wiener Staatsoper mit der legendären Christa Ludwig uraufgeführte Dürrenmatt-Vertonung „Der Besuch der alten Dame“ gerät in München zum Volltreffer, denn mehrere Spielparameter wachsen über sich hinaus. Die erfahrene Ricarda Regina Ludigkeit half beim formalen Staging für das wirtschaftlich marode Güllen am stillgelegten Bahnhaltepunkt der Schnellzuglinie Stockholm / Florenz. So konnte sich Nikolaus Habjan voll und ganz auf die Klappmaulpuppe der emotional erkaltenden Claire Zachanassian und deren imposanten schwarzen Panther (geführt von Angelo Konzett) konzentrieren.

Die Perspektive der Menschheit ist wahrhaft apokalyptisch.“ sagte Friedrich Dürrenmatt. Auch seine seit 1956 zum Schulstoff gewordene „tragische Komödie“ über die aus ihrem Geburtsort verjagte Klara Wäscher, die als milliardenschwere Matrone Claire Zachanassian mit Gerechtigkeitsfanatismus zurückkommt, ist eine Dystopie. Claire hat alle Produktion und Wohlstand ihres Herkunftsortes mit Vorsatz kaltgemacht. Und sie verspricht der Gemeinde eine Milliarde für den Tod ihres früheren Schänders – des jetzt durch eine kalkulierte Heirat zum angesehenen Krämerladen-Inhaber aufgestiegenen Alfred Ill.

Zurück in die Vergangenheit

Statt in eine digitalisierte oder spießige Gegenwart verlegen Habjan, die Bühnenbildnerin Heike Vollmer und Bernhard Stegbauers Kostüme das lapidar sprachgewaltige Werk in ein virtuelles Panorama mit Kunstmitteln der 1920er Jahre: Im asch- bis anthrazitgrauen Hintergrund sieht man keine Fabrikschlote ohne Rauch, dafür eine Kirche mit Kanten wie beim Maler Lyonel Feininger. Die von Manuela Linshalm geführte Puppe der Claire Zachanassian hat Glitzeraugen, lange Wimpern, einen halbkahlen Schädel und rote Haare. Dieses Outfit hat Wurzeln in Habjans früheren Arbeiten wie „Was geschah mit Baby Jane?“ am Wiener Schubert Theater, aber auch in der skandalisierenden Periode von Otto Dix. Neben der Turbokapitalistin aus verlorener Ehre wirken die Vielen aus Güllen blass trotz farbiger Gewandung.

Aber – das ist wirklich der einzige Nachteil des bezwingend großartigen Abends – die bizarre Solitaire Claire hat zu wenig Abstand und zu wenig exklusive Kontur zu den nach früherem Wohlstand lechzenden Massen. Die österreichische Mezzosopranistin Sophie Rennert spielt mit sympathischer physischer Präsenz die Rückblenden auf die junge Klara Wächter sowie deren Liebes- und Glückshoffnungen, gibt der Figur die perfekt dramatische Stimme. Rennerts strahlende Höhenreserven verschmelzen mit dem opulenten Fluss der vom Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz und Dirigent Michael Balke mit dramatischer Vehemenz, aber auch mit Pastelltönen ausgeleuchteten Partitur. Claires Kommunikationsfluss mit der Bürgerschaft gerät sehr organisch und deshalb zu wenig abrupt. Dass der Rache- und Gerechtigkeitsimpuls der „alten Dame“ ihre allerletzte Regung vor der seelischen Versteinerung ist, sollte man auch hören – und tut es zu wenig. Dafür erklingen von Einems formale Reminiszenzen an Mahler und Wagner mit trügender Lieblichkeit.

Schielen nach dem großen Schreck

Aus dem homogenen Dunkel der von Geldsorgen gedrückten Bürgermasse ragt der zu Beginn fahle Alfred III. Der Bariton Ludwig Mittelhammer setzt eine imponierende Leistung. Am Beginn ist er glatt. Mittelhammers III hat im Einerlei des lauen Familienlebens die beglückenden Momente und die von ihm veranlasste Schädigung Claires offenbar vergessen. Je mehr die Lebensbedrohung für III wächst, desto farbiger und intensiver singt Mittelhammer. Der Chor (Pietro Numico) erhält als soziales Einerlei ganz großes Gewicht in dieser Studie über Zweckkonformismus. Der Lynchmord an Ill auf einen einzigen Streich ereignet sich mit formaler Nüchternheit. Dazu schielen alle mit expressiven Augenrändern nach dem großen Scheck.

Das Ensemble steht bzw. sitzt gemeinsam an einer Tafel. Rechts steht eine Puppe mit roten Haaren auf dem Tisch.

Norbert Ernst (Butler), Ludwig Mittelhammer (Alfred Ill), Manuela Linshalm (Puppenspielerin Dame), Sophie Rennert (Claire Zachanassian), Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Bürgermeister), Timos Sirlantzis (Pfarrer) und Matija Meić (Lehrer). Foto: Markus Tordik

Sensibles Ensemble

Mit annähernd 30 Solopartien ist „Der Besuch der alten Dame“ ein imposantes Leistungsprädikat für das Ensembletheater am Gärtnerplatz. Was der Regie an Detailschliff nicht ganz so wichtig ist, füttern die ideal eingesetzten Alpha-Figuren mit ihrer Persönlichkeit und Sensibilität: An vorderster Front Wolfgang Ablinger-Sperrhacke in der Charaktertenor-Partie des Bürgermeisters, der mit Extrovertiertheit und verschlagener Diplomatie das Gemeinwesen-Schiff zu retten versucht und die moralischen Konflikte wegen des unausweichlichen Mords hinterm Pokerface verbirgt. Timos Sirlantzis macht aus dem Pfarrer eine rauschhaft suggestive Belcantopartie. Frances Lucey zeigt als IIIs Frau Mathilde eine Verhärmtheit zum Steinerweichen und Anna-Katharina Tonauer stylt Tochter Ottilie zur adretten Nichtfigur. Alle anderen im Ensemble geben ebenbürtige Charakterschweine.

Egal ob Claire Zachanassians bizarre Entourage, die düstere Stadt Güllen oder die vielen Episoden-Figuren: Das Herausführen der Dürrenmatt-Vertonung aus den Nierentisch-Perfidien in den Retro-Expressionismus ist ein origineller wie stimmiger Einfall. Habjans Inszenierung konveniert hervorragend mit der Komposition. Am Gärtnerplatz hört man dazu auf Exzellenz-Niveau, wie nahe von Einem jener grauen Eminenz Richard Strauss stand, die er nach dem Zweiten Weltkrieg in den künstlerischen Gremien der Salzburger Festspiele ablöste. Riesenapplaus.