Foto: Die Familienoper „Abu Hassan“ nach Carl Maria von Weber am Theater Nordhausen in der Regie und Textneufassung von Matthias Kitter mit Thomas Kohl und Yuval Oren. © Marco Kneise
Text:Andreas Berger, am 5. Juli 2026
Theater Nordhausen und Loh-Orchester Sondershausen eröffnen ihre Schlossfestspiele mit einer spielfrischen Fassung von Carl Maria von Webers „Abu Hassan“. Der Abend begeistert mit überzeugendem Ensemble und seufzendem Orchester.
„Geld, Geld, Geld“ – eine Oper mit solchen Texten kann eigentlich nichts an Aktualität eingebüßt haben. Carl Maria von Webers kleines Singspiel „Abu Hassan“ erzählt vom Kreditnehmen, von der Macht der Gläubiger, besonders wenn einer alle Kleinansprüche von anderen aufkauft, aber auch von den findungsreichen Tricks der Schuldner, hier Abu Hassan und seine Frau Fatime. Weber war als Privatsekretär des Königs von Württemberg einstmals gleichfalls Betroffener, verschuldet nicht ganz ohne Schuld, und sein späterer Bewunderer Richard Wagner wusste auch ein Lied davon zu singen.
Dessen Kapitalismuskritik allerdings schleppt sich als Großmythos des 19. Jahrhunderts fast zwanzig Stunden dahin, während Webers Märchen mit einer Stunde auskommt. Und so haben es die Theatermacher aus Nordhausen mit dem Loh-Orchester dann auch passend als Familienstück auf die Wiese vor die Rotunde am stattlichen Schloss von Sondershausen gezaubert. Da, wo die Schlossfestspiele abends noch mit „Cavalleria Rusticana“/„Der Bajazzo“ in die Nacht feierten.
Sympathie fürs Schummeln
Anja Schulz-Hentrich hat aus Holzpaletten ein loftiges Ambiente mit niedriger Polstergarnitur gebaut. Neben den Publikumsbänken erheben sich aber auch goldener Thron und geflügelter Löwe für den Kalifen, der hier zu Fürst Karl Leaf dem Ersten mutiert. Die Fürsten zu Schwarzburg-Sondershausen hießen auch schon mal Karl, vor allem aber Günther. In den Arien blieb’s dann doch bei Kalif. Im Loft leben Abu und Fatime Hassan als Imageberater des Fürsten, prosten sich mit dem abendlichen Weißwein zu und sehen aus wie aus „Schöner Wohnen mit Rosamunde Pilcher“ im Fernsehen.
Regisseur Matthias Kitter hat die Sprechtexte behutsam angepasst, das funktioniert. Die erzählende Zofe Zemrud (herzhaft: Christina-Mirl Rehm) macht er zur Reinigungskraft, die sowohl beim Fürsten als auch beim Aufsteigerpaar Hassan putzt. Zwei Jobs, sonst komme man nicht über die Runden, sagt sie. So viel Sozialkritik darf auch im Kinderformat sein. Dass die Hassans über ihre Verhältnisse leben, ist Thema der Oper.
Trotzdem haben sie unsere Sympathien beim Sich-Wieder-Herausschummeln: Erst stellt sich die eine, dann der andere tot, kassieren beim Fürstenpaar die Beisetzungshilfe und am Ende auch noch den Wettlohn, als die Herrschaften dann doch mal wissen wollen, wer denn nun wirklich gestorben sei. Betrug, aber weil am Schickimicki-Outfit des Fürstenpaars und seinem exaltierten Gebaren (herrlich: Benjamin Prins, Janyne Ward) so offensichtlich wird, dass hier Leute noch ganz anders prassen, kann man’s den Hassans nicht krumm nehmen, dass sie auch mal besser leben wollen.
Lebensfreude und Unheil
Abu setzt sich im Zweifelsfall im Wortsinn die rosarote Brille auf. Fatime ist schon besorgter, aber eben sehr verliebt. Marian Kalus spielt den kleinen Dandy mit viel Charme und Witz. Stimmlich wechselt er in den Duetten manchmal in eine sprecherische Intonation, was im Singspiel gestalterische Abwechslung bringt. Seine Höhe ist allerdings eher eng, da würde man sich im Ariosen schon mehr tenoralen Schmelz wünschen. Yuval Oren als Fatime glänzt mit einer wunderbar beweglichen Sopranstimme, die von strahlender Höhe bis zu hier manchmal verlangten relativen Tiefen substanzvoll klingt und mühelos die feinen Koloraturen aufsteckt.

Die Familienoper „Abu Hassan“ nach Carl Maria von Weber am Theater Nordhausen in der Regie und Textneufassung von Matthias Kitter mit Yuval Oren und Marian Kalus. Foto: Marco Kneise
All der Lebensfreude setzt Weber schon in der Ouvertüre dunkle Töne für das Unheil des (mangelnden) Geldes entgegen, wenn Zemrud beim Aufräumen passend die Kreditscheine in den Polstern findet. Verkörpert wird die düstere Macht im Wechsler, heute Finanzchef Omar, den die Regie nicht zwingend verfremdet zu einem vogelartigen Wesen mit schwarzen Federn, etwas zuckenden Bewegungen und häher-haftem Lachen. Er rückt Fatime ganz schön auf die Pelle und will die Schuldscheine gegen einen Kuss von ihr tauschen.
Man kann auch Kinder nicht genug vor solchen „hilfreichen“ Onkels warnen. War da die Verfremdung nötig? Thomas Kohl gestaltet die zwielichtige Figur perfekt zwischen Komik und triebhafter Anzüglichkeit, die auch ins Gefährliche schlägt, und bringt einen sehr schön profunden, lodernden Bass dafür mit.
Musik, die seufzt
Dirigent Luca Marcossi hat für seine Orchesterfassung des Stücks vor allem auch die kurzen Chorauftritte wegrationalisieren müssen. Aus der Rotunde hinter den Agierenden tönend, kann das heimische Loh-Orchester kraftvoll mit der perkussiven Janitscharenmusik aufwarten, setzt aber auch mit feiner Streicherromantik zu Fatimes Liebes-Arie Akzente. Sehr schön, wie vor ihrer (gespielten) Trauer-Arie um Abu zunächst die Holzbläser quasi solistisch seufzend die tränenreiche Stimmung vorgeben, während am Ende die Streicher tragisch aushauchen.
Es war eine anregende Begegnung mit Webers „Abu Hassan“ in Sondershausen, den man gern auch anderswo öfter wiederträfe.