Foto: Pascal Riedel als KIM in „Toxische Männer“ © Sandra Then
Text:Detlev Baur, am 28. März 2026
Die Uraufführung von „Toxische Männer“ am Theater Münster macht aus einem gerade wieder aktuellen Dauerthema eine groteske Komödie. Doch bleiben Konstantin Küsperts Text und Cilli Drexels Inszenierung in der Wirkung harmlos.
Aktueller kann Theater eigentlich kaum sein: „Es ist Krieg“, heißt es am Ende eines Alptraums, der zu Beginn von Konstantin Küsperts „Toxische Männer“ Realität wird. Wie der Titel nahelegt, steht im Zentrum des Auftragswerks für das Theater Münster die Hälfte der Menschheit, die einen Großteil der Macht und zugleich die Hauptverantwortung für Gewalt, Unterdrückung und Zerstörung trägt.
Am Tag der Uraufführung veröffentlicht die Initiative maenner-gegen-gewalt.de „in Solidarität mit Collien Fernandes & allen Betroffenen“ die Einladung an „Männer aller Generationen“, „ihre eigene Rolle und Verantwortung zu reflektieren(…) und Sexismus zu bekämpfen“. Konstantin Küspert und das Theater Münster beschreiben mit der Uraufführung unbestritten ein zentrales Thema der nicht neuen, aber immer dringlicher erscheinenden Debatte um Patriarchat und Gewalt.
Radikale Utopie und mehr
Der Text reflektiert die Rolle der Männer, indem er eine radikale Utopie durchspielt. Die in Nordkorea entwickelte Künstliche Intelligenz KIM optimiert in naher Zukunft die Menschheit, indem sie – personifiziert durch den glitzernd gewandeten (Kostüme: Nicole Zielke) und säuselnd sprechenden Pascal Riedel – alle Männer auf dem amerikanischen Doppelkontinent versammelt, Frauen, Kinder und Diverse hingegen in Europa, Asien und Afrika.
In dieser friedlichen Welt werden die Menschen rundum kontrolliert und gehegt von einer Intelligenz, die „giftigste Substanz“, nämlich Testosteron, ist somit ihrer vernichtenden Kraft beraubt. Doch angeführt von einer Frau und Mutter aus Frankreich, der in der KI-kontrollierten neuen Welt die „Freiheit“ fehlte, wird dieses Kapitel der Weltgeschichte mit technischem Geschick und aktivistischem Furor beendet. Und schon ist der Sohn im fernen Amerika voll Angst vor tödlichen Männern und giert nach Steroiden, schließlich muss er sich ja nun gegen Gewalt anderer Geschlechtergenossen verteidigen.

Diktator Kim und Show-Soldat:innen. Foto: Sandra Then
Diese geistreiche Uto-Dystopie ist alleine schon etwas überfrachtet: Warum sich ausgerechnet Kim Jong-Un, einer der irren Diktatoren der Gegenwart, für eine bessere, nachhaltigere und achtsamere Welt einsetzen soll, warum er also mit der radikal umstürzlerischen KI verbunden sein soll, bleibt unklar. Das Bild des radikalen Eingriffs in die Geschlechterverhältnisse ist einerseits sehr grobkörnig gezeichnet. Andererseits sind „Toxische Männer“ eine lockere Sammlung zugespitzer Szenen. Der von Zeus gefesselte Prometheus ist ein wiederkehrendes Motiv. Andere, teils kabarettistisch anmutende Nummern stehen für sich, sind thematisch im weitesten Sinne in das Gesamtstück eingewoben.
Ungenaue Form, inhaltliche Unverbindlichkeit
So eröffnet Raphael Rubino die Uraufführungsinszenierung von Cilli Drexel mit der Auktion von immateriellem Erbe eines preußischen Offiziers in Form teils homoerotischer Emotionen – ein schön schwebender Start um offizielle Überlieferungen und verborgene Lebensgeschichten. Doch sind Stück und Inszenierung insgesamt zu unpräzise, zu fern von entwickelten Figuren, als dass sie die Energie des Themas auf der Bühne umsetzen könnten. Die blauen Stufen auf der Drehbühne im Kleinen Haus (Bühne: Anna Brandstätter) bleiben ein Irgendwo.
„Toxische Männer“ hat zweifellos Potenzial, wirkt allerdings etwas unfertig, bräuchte damit einen packenden Regiezugriff. Fernsehinterviews mit lustigem großem Mikrofon und ironischem Gestus sind auf Dauer eintönig. Die Komik mancher Szene bleibt eher harmlos, die Einbeziehung des Publikums ins brisante, uns alle, auf jeden Fall uns Männer angehende Thema unverbindlich. Das fünfköpfige Ensemble (Alaaeldin Dyab, Agnes Lampkin, Pascal Riedel, Raphael Rubino und Elzemarieke de Vos) agiert im Hamsterrad der Drehbühnenszenen, findet wenig Gelegenheit über Nummern mit schnellen Skizzen hinauszukommen. Die toxischen Männer in Münster bleiben in dieser Form eine harmlose Komödie, werden der Dramatik des Themas nicht gerecht.