Foto: Lea Ostrovskiy, Martina Struppek, Anna Jörgens © Martin Sigmund
Text:Martina Jacobi, am 28. März 2026
Am Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken inszeniert Franziska Stuhr die Uraufführung von Maria Milisavljevićs „Blutschwester“ über Wut und ein tödliches Geschwür. Text und Inszenierung tasten sich durch einen zeitlichen Mahlstrom über die Prägung einer Frau.
Ein Theaterstück über Wut – für drei Frauen. So steht es in Maria Milisavljevićs Auftragswerk „Blutschwester“ für das Saarländische Staatstheater. Für drei Frauen, drei Erinnyen, Furien, in der griechischen Mythologie Rachegöttinnen. Die Erste: Der pure Zorn. Die Zweite: Die reine Rache. Die Dritte: Die anhaltende Wut. „Blutschwester“ entstand im Writers‘ Room, ein Team aus Regie, Autor:in, Ausstattung und Dramaturgie wählt gemeinsam das Stück-Thema. Zuletzt waren Texte von Milisavljević im interdisziplinären Theaterabend „Hope“ am Thalia Theater in Hamburg zu hören. Für „Staubfrau“ am Schauspiel Leipzig, auch mit drei Frauen, einem Stück über Femizide, wurde die Autorin mit dem Mülheimer Dramatikpreis 2025 ausgezeichnet.
Mit „Blutschwester“ schreibt Milisavljević ein poetisches, assoziatives und trotzdem begrifflich sehr genaues Stück über weibliche Wut und Solidarität. Sie zerlegt diese Wut in ihre Herkunftsströme, das Unterdrücken eines Gefühls, das Die-Schuld-auf-sich-nehmen oder Überbordendes-Mitgefühl-gelernt-haben. Diese Auseinandersetzung ist in „Blutschwester“ an die Geschichte einer Frau geknüpft, die mit Krebs im Sterben liegt, die so in die Situation kommt, sich mit dem Leben, mit dem Tod auseinanderzusetzen, mit ihrer Wut. Ihr zur Seite stehen die Nichte und Schwiegerfreundin (Ex-Schwägerin, nicht mehr offiziell Familie, aber Wahlfamilie). Über den Mann, den Ehemann, das Patriarchat, wird in Abwesenheit gesprochen, es hat auf der Bühne keine Stimme und doch eine sehr sichtbare Macht.
„Das ist Krebs, kein innerer Konflikt“
Manche Bilder aus Franziska Stuhrs Inszenierung prägen sich ein: „Das bin ich“, sagt Martina Struppek, und deutet auf einen Fleck ein paar Meter vor sich auf dem schachbrettartig, schwarzweiß karierten Boden. Dann bewegt sie sich dort hin, zuckt die Schultern. Ja, das ist sie, diese Person da, mit allen Zuschreibungen von außen, mit inneren Konflikten, ihrer Position zwischen Annahme und Erklärungssuche, wie sie da hingekommen ist. Aus diesem Strudel weist Milisavljevićs Text einen klaren Ausgang: „Das ist Krebs, kein innerer Konflikt.“

Martina Struppek, Lea Ostrovskiy. Foto: Martin Sigmund
Die Bühne (Lara Scherpinski) bildet einen Übergangsort ab: Typische Plastikbänke aus Warteräumen, ein Haus ohne Wände. Auf die Rückwand ist groß der Abdruck eines Bildes von Else Blankenhorn gespannt, ein „menschlicher Kopf in dunklen kosmischen Sphärenwirbeln“ heißt es in der Beschreibung. Die Frau ist hier die Verkörperung eines geschichtlichen Auswurfs, geprägt von der Vergangenheit, dem Jetzt und einer kollektiv-gesellschaftlich imaginierten Zukunft. Historische Referenzen – die Schultze Kathrin (Katharine Weißgerber), ausgezeichnet für ihren Mut bei der Schlacht bei Spichern bei Saarbrücken; Angela Braun-Stratmann, Journalistin und Politikerin; Marianne Bachmeier, die im Gerichtssaal des Lübecker Landgerichts den Mörder ihres Kindes erschoss; Medusa und Leda aus der griechischen Mythologie – sind kein neu eingesetztes theatrales Motiv, aber bewusste Stärkung eines veränderbaren Narratives.
Im Mahlstrom der Zeit
Struppek, Lea Ostrovskiy und Anna Jörgens sind in ihren Rollen Abbilder der Erinnyen und Weiblichkeitsfiguren mit Identifikationspotential. Struppek als ältere Krebskranke (Die anhaltende Wut), Ostrovskiy als purer Zorn ist die Schwiegerfreundin, die in anhaltender Solidarität im Namen ihrer Freundin kämpft. Und Jörgens ist bewusst charakterlich abgewandelt, keine reine Rache, eher besorgter Beistand. Als weibliche Stimmen stehen sie im Team einer patriarchalen und institutionellen Vormundschaft gegenüber. Dass eine männliche Stimme fehlt, ist bewusst gesetzt und legt den Fokus auf die weibliche Perspektive. Diese zu hören, zu verstehen, darum geht es.
In ihrer Richtung bleibt die Inszenierung vage, tastend, beschreibt eher einen Ist-Zustand und schafft aus Milisavljević‘ sehr dichtem Text starke Momente aus bedingungsloser Liebe in Freundinnenschaft. Rätselhaftigkeit gehört zu diesem unscharfen Bild in der Identitätssuche einer Frau dazu. Milisavljevićs Text schafft eine bewegende Untersuchung von Leerstellen. „Dass Sie mir zuhören. Sie wissen nicht, was mir das bedeutet“, sagt Struppek zu Beginn. Am Ende steht dann die vorbereitete Grabrede, die der Ehemann auf der Beerdigung überspringt. Die fünf Minuten, in denen alle einmal zugehört hätten. Daher: „Hier ist sie nun, die Rede, die nie gehalten wurde. Die Zeit haben wir noch, oder?“