Fünfmal Zweig in „Zweigs Garten“

Vertriebener Bildungsreisender

Nach Stefan Zweig: Zweigs Garten

Theater:Rheinisches Landestheater Neuss, Premiere:28.02.2026 (UA)Regie:Alexander Marusch

„Zweigs Garten“ am Rheinischen Landestheater Neuss nimmt das Publikum auf einer Promenaden-Performance mit in ein Europa vor hundert Jahren, indem es fünf Darsteller:innen Lebensstationen des Schriftstellers Stefan Zweig zeigen lässt. Am Tag eines neuen Kriegsbeginns gelingt damit eine theatrale Lehrstunde der Folgen von Krieg und Gewalt auf individuelle Schicksale.

Zwischen Jugendstil und Impressionismus changieren die im weiten Foyer des Landestheaters Neuss aufgehängten Stoffbahnen (Ausstattung: Alexander Grüner). Auch die Anzüge der fünf Darsteller:innen zeigen das Motiv von Schwimmenden in einem Seerosenteich. Stefan Schleue, Hergard Engert, Johannes Bauer, Stefan Siebert und Tim Richter spielen den Dichter Stefan Zweig, sprechen teils chorisch Sätze aus seinem autobiografischen Werk „Die Welt von Gestern“, teilen sich auf, verwandeln sich zeitweise in Gesprächspartner dieses hommes de lettres aus einer vergangenen Epoche.

Lesenswerte Erinnerungen

Die Welt von Gestern“ ist zur Lektüre allen anzuraten, die europäische Geschichte und Gegenwart verstehen wollen. Auch denen, die in der Schule unfreiwillig mit Zweigs „Schachnovelle“ traktiert wurden. Denn in diesen „Erinnerungen eines Europäers“ beschreibt der im K.u.k.-Wien um 1900 aufgewachsene Sohn einer großbürgerlichen jüdischen Familie so persönlich wie nüchtern den rasanten Verlust einer weitgehend heilen Welt. „Die Ohnmacht des Menschen gegen das Weltgeschehen“ wird hier so konkret wie analytisch beschrieben. Mit Bildungsreisen des Schriftstellers nach Italien oder in die Sowjetunion und der Geschichte seiner Emigration über England nach Brasilien.

Eine Szene aus „Zweigs Garten“.Foto: Christine Tritschler

Die Depressionen Zweigs, die im Suizid 1942 im brasilianischen Exil endeten, tauchen in diesem Werk nicht weiter auf, wohl aber in Briefen seiner Frau Lotte. Diese bilden das Finale des Projekts „Zweigs Garten“ von Shay David und Alexander Marusch im Rheinischen Landestheater Neuss. In zwei Stunden bewegen sich die vier Männer und Hergard Engert von einer Hofburgansicht hinein ins bläulich dominierte Spielfeld mit einer Treppe zwei kleinen Spielpodien und einer Filmprojektionswand. Und das animierte Publikum folgt ihnen auf Zweigs Lebensreise über Wien, Berlin, Belgien, Paris, Warschau, Moskau, Salzburg, Zürich und London bis Petropolis.

Fünf starke Protagonist:innen

Das könnte leicht volkshochschulhaft-undramatisch sein und tatsächlich verbinden sich in der ersten Szene Walzer und Zweigs Analyse des Habsburger Reichs im chorischen Sprechen eher gewollt als überzeugend. Doch gelingt den souverän miteinander und dem Publikum interagierenden fünf Darsteller:innen in der Regie von Alexander Marusch zunehmend das Einzelschicksal des Stefan Zweig mit den großen weltpolitischen Ereignissen von 1914 bis 1942 zu verbinden.

Zu Beginn der Reise werden in einem Filmzusammenschnitt aktueller Antisemitismus (anlässlich eines Anschlags auf die Synagoge Wuppertal) und Antizionismus (mit Aussagen von Judith Butler) kurz eingespielt. Doch ansonsten bleiben die bedenklichen Parallelen ins Heute der gedanklichen Mitarbeit des Publikums überlassen. Umso mehr als die Premiere am Tag eines Kriegsbeginns nach dem Angriff Israels und der USA auf den Iran stattfindet – und Zweig sich im Gespräch mit Theodor Herzl nicht dem Zionismus anschließen möchte. Später konstatiert er an der belgischen Nordsee beim Ausbruch des 1. Weltkriegs: „Auf einmal weht ein kalter Wind von Angst über den Strand.“

Mit Zitaten aus „Die Welt von Gestern“, mit Hilfe von Briefzitaten und kleinen illustrierenden Szenen wird die bezeichnende Lebens-Reise von Zweig in fünf Figuren – oder Zweigen ? – in „Zweigs Garten“ verdeutlicht. Auch wenn manche Illustration wie die der Baskenmützen tragenden, Wein trinkenden Pariser unnötig klischeeartig ausfällt; und der Titel in seiner Verbindung zur anstehenden Gartenschau in Neuss sehr gewollt wirkt. Das Projekt bringt das Publikum im wahrsten Sinne zum „Mitgehen“. Und empfiehlt sich auch für Schüler:innen, die mehr von Stefan Zweig und Europa begreifen wollen.