Foto: Angelina und Don Ramiro finden zusammen. © Andreas Etter
Text:Bernd Zegowitz, am 30. November 2025
Am Staatstheater Mainz verlegt die Regisseurin Stephanie Kuhlmann Rossinis „La Cenerentola“ in ein heruntergekommenes Hotel. Sie zeigt den Prozess einer Emanzipation, lässt Komödie spielen, integriert Märchenhaftes und dabei wird auch noch wunderbar gesungen.
Bei den Brüdern Grimm fließt Blut. Da schneidet sich die eine die Ferse weg, die andere hackt sich den Zeh ab und am Schluss picken die Tauben den bösen Stiefschwestern auch noch die Augen aus. Nur das duldsame Aschenputtel bleibt unverstümmelt und unbefleckt. Bei Rossini geht es gesitteter zu, aufgeklärter, bürgerlicher und auch ein bisschen langweiliger. Sein Textdichter Jacopo Ferretti griff auf zwei Vorgängerlibretti zurück und machte aus der stillen Dulderin eine lebensfrohe, zielstrebig sich emanzipierende Frau und aus den Schwestern hochmütige Püppchen. Selbst der Rossini-Fan Stendhal war ein wenig ernüchtert.
Am Staatstheater Mainz holt die Regisseurin Stephanie Kuhlmann das Märchen zurück ins Stück, indem sie aus der Figur des aufgeklärten Philosophen Alidoro eine Art gute Fee der Geschichte macht, ein Pendant zum weißen Vogel bei den Grimms. Er hält die Fäden in der Hand, wechselt die Rolle, steigt wie ein Engel vom Himmel herab, sorgt für Verzauberung, wo eigentlich keine mehr ist. Doch der Zauber ist ein gebrochener, ein gemachter, weil immer deutlich ist, wie Alidoro diesen produziert: mit Seifenblasen, Konfetti, falschen Bärten und Kleidertausch – Budenzauber also. Stephan Bootz singt und spielt ihn dann auch ganz nüchtern. Himmlisch Märchenhaftes vermittelt auch der Ausblick durch übergroße Fenster, die der Ausstatter Bernhard Bruchhardt in die Seitenfront der Hotelhalle eingebaut hat und die selbige weit über den Wolken schweben lässt, zwischen Sonne, Mond und Sternen.
Menschen im Hotel
Doch viel mehr Märchen gibt es nicht, weil Kuhlmann die Handlung ganz konkret in ein Hotel verlegt. Das hat schon bessere Jahre gesehen, liegt irgendwo in Italien und Angelinas Eltern haben es irgendwann einmal gegründet. Beide sind schon länger tot und der neue Besitzer Don Magnifico hat es ziemlich heruntergewirtschaftet. Gäste scheint es keine mehr zu geben. Angelina ist ein Zimmermädchen, das in einer kleinen Kammer lebt, die mit Erinnerungsstücken an die Eltern ausgestattet ist. Ein Rezeptionist hält alles am Laufen, die Schwestern rühren keinen Finger, Angelina muss schuften und dann kommen der Prinz von Salerno und sein Kammerdiener Dandini und viele andere und die Handlung läuft wie am Schnürchen.

Die Rezeption im Hotel Magnifico. Foto: Andreas Etter
Das Hotel mit seinem großen narrativen Potential – der Hotelhalle, der Drehtüre, dem Lift, der Treppe – wird ausgiebig bespielt und genutzt, aber anders als bei Vicki Baum oder Joseph Roth. Dort ist es ein Ort der transzendentalen Heimatlosigkeit des Menschen der Moderne, Sinnbild eines Daseins, das durch Schnelllebigkeit und Simultaneität, durch Einsamkeit und Entwurzelung geprägt ist. Kuhlmann bricht dieses Bild etwas herunter: Auch wenn die Handlung durch die Kostüme, durch Petticoats und Pumps an die 1950er und 60er Jahre erinnert, interessiert die Regisseurin eher eine Sonderform der Heimatlosigkeit, nämlich die Elternlosigkeit der jungen Frau, die aber kein Symptom einer Zeit ist.
Menschliche Entwicklung
Kuhlmann erzählt die Geschichte einer gelungenen Emanzipation. Angelina ist anfangs eine junge Frau, die den Tod der Eltern noch nicht überwunden hat, sich in ihr Dasein fügt, sich aber nicht verbiegt. Immer zielstrebiger setzt sie ihre Pläne um, fordert die Teilnahme am Ball, erläutert ihre Vorstellungen von Liebe und Ehe. Während alle anderen die Kostüme mehrfach wechseln, darunter aber immer dieselben bleiben, verändert sich Angelina und ist schließlich auch im Kostüm des Zimmermädchens eine andere geworden. Die anderen spielen Rollen, gefallen sich in diesen – Dandini wäre gerne Prinz, Magnifico wäre gerne reich –, doch nur Angelina macht eine Entwicklung durch, ohne ihre positiven Charakterzüge zu verlieren. Komödie spielen die anderen und das lässt die Regisseurin auch zu und gibt den Darstellerinnen und Darstellern den nötigen Freiraum.
Musikalische Entwicklung
Samuel Hogarth dirigiert einen frischen, flotten und zügigen Rossini mit klarem Drang nach vorn. Nur manchmal sind die Ensembles ein klein wenig verwackelt, ist die instrumentale Diktion etwas unklar. Sebastian Hernandez-Laverny hat den Chor punktgenau einstudiert. Gespielt und gesungen wird mit großer Freude und hoher Konzentration. Vincenzo Nizzardo ist ein wunderbar schmieriger Don Magnifico, der alle Register eines italienischen Bass-Buffos kennt und zieht. Alexandra Samouilidou und Alexandra Uchlin geben die zickigen Stiefschwestern mit boshafter Präzision und übertriebenem Hochmut, Gabriel Rollinson ist ein wohlgefällig schöner Dandini. Fabelhaft geschmeidig und flexibel ist der Don Ramiro von Pablo Martínez, der mühelos alle Höhen hat und klare Koloraturen singt. Hinreißend ist die Angelina von Karina Repova. Sie entwickelt ihre Figur sängerisch immer weiter, lässt sie an Selbstsicherheit gewinnen, schärft deren Charakterzüge, ohne die alten positiven Eigenschaften vergessen zu lassen. Technisch ist das ebenfalls vom Feinsten.
Gewagt ist die Mainzer Inszenierung von „La Cenerentola“ nicht unbedingt, gelungen aber auf jeden Fall – musikalisch und szenisch.