Zu Beginn ruft Jason (solide, ohne zu glänzen: Martin Busen) in der Seitenloge seine Helden an, die sich hinter der Schiffswand als schwarze Gestalten abzeichnen (Chor des Staatstheaters Mainz/Sebastian Hernandez-Laverny). Orpheus (mit betörendem Schmelz: der Countertenor Alin Deleanu) und Butes (mit kernigem Bassbariton: Jonathan de la Paz Zaens) erscheinen auf einem Sprungbrett, das an der Bühnenwand herausgeklappt wird. Die drei von Sabrina Hölzer gebauten, wie übergroße Sirenen aussehenden Bühnenhörner werden vom Schnürboden herabgelassen und bewegen sich in ruhiger Drehung. Aus den Schalltrichtern erklingt der elektronisch gefilterte, hinter der Bühne positionierte Frauenchor.
Ganz bewusst haben die Verantwortlichen auf die Übertitelung des Geschehens verzichtet, um nicht von der Musik abzulenken. Allerdings hält sich deren Sogwirkung in Grenzen, weil Sánchez-Verdú sich zu oft wiederholt und keinen Spannungsbogen aufbauen kann. Die ewigen Glissandi ermüden, die häufige Kombination von extrem hohen und sehr tiefen Frequenzen ist nicht mehr als eine Farbe. Natürlich sind die elektronischen Klangflächen, deren Struktur sich andauernd wie eine Wasseroberfläche verändert, nicht ohne Reiz, aber es fehlt der Musik das Raffinement, Suggestionskraft und vor allem die Dramatik. Der meist vom Blech getragene Sirenengesang betört nicht. Man fragt sich, warum Odysseus (sonor: Brett Carter) nur gefesselt diesen eher spröden Klängen widerstehen kann. Auch Butes stürzt sich nicht kopflos ins Meer, sondern bewegt sich in Schwetzingen nach langer Bedenkzeit in Zeitlupe ins knöcheltiefe Wasser, wo er von Aphrodite (mit Catsuit, überlangem Haar und kristallinem Sopran: Maren Schwier) mit strahlenden Gesangslinien empfangen wird („ich begehre, Butes, dich mit meinen Hüften“). Dieser Spannungshöhepunkt wird auch szenisch verschenkt. Die entfesselten Leidenschaften, von denen das Libretto erzählt, gefrieren in der stilisierten Bühnensprache. Bei diesem „Dramma in musica“ fehlt leider das Drama. Der 90-minütige Musiktheaterabend bleibt zu abstrakt und konstruiert, um wirklich zu berühren.
