„Aus einem Totenhaus” inszeniert von Dmitri Tcherniakov

Hautnah berührend

Leoš Janáček: Aus einem Totenhaus

Theater:Ruhrtriennale, Jahrhunderthalle, Premiere:31.08.2023Vorlage:Aufzeichnungen aus einem TotenhausAutor(in) der Vorlage:Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Regie:Dmitri TcherniakovMusikalische Leitung:Dennis Russell Davies

Brutal, immersiv und damit ein echter Theater-Coup: In der Bochumer Jahrhunderthalle platziert der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov das Publikum hautnah ins Gefängnis-Setting von Leoš Janáčeks letzter Oper „Aus einem Totenhaus“.

So nah kommen einem diese Männer, dass man irgendwann nicht mehr weiß, ob man in einem echten Gefängnishof steht und sich mit vielen anderen zusammen all diese Beichten von Mördern zunehmend geschockt anhört, weil irgendwer das ja tun muss. Oder ob man sich doch in einer Aufführung von Leoš Janáčeks letzter Oper „Aus einem Totenhaus“ befindet, in der nach Dostojewski teils autobiographischem Roman „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ von Männern in einem Gefängnis erzählt wird. Ohne stringente Handlung, ohne dass eine konkrete Verortung stattfindet, ohne dass Charaktere entwickelt werden und natürlich ganz ohne eine herkömmliche Liebesgeschichte. Denn 90 Minuten lang tritt keine Frau auf (den kurzen Auftritt einer Dirne singt hier ein zarter, junger Countertenor: Vladyslav Shkarupilo) und jedes schwach aufkeimende Gefühl von Empathie kann sofort in laute Häme oder derbe körperliche Aggression umschlagen.

Prügeln als körperliche Nähe

So beginnt das Ganze schon: Ein Dutzend Solisten, der exzellente zwanzigköpfige Chor vom Theater Brno und sieben junge Männer einer „Stunt-Factory“ rennen in unspektakulären Alltags-Klamotten (Kostüme: Elena Zaytseva) von heute durch die ganze Halle, balgen nur kurz miteinander, fangen vielmehr gleich zu prügeln an und stoßen einander in allerlei Weichteile, eindeutig nicht mehr spielerisch, sondern in der fatalen Absicht, wenigstens derb und schmerzhaft körperliche Nähe herzustellen.

Das ist präzise zur Musik des Vorspiels choreographiert, was zunächst eher Distanz schafft als Nähe. Nur einmal, in der Pantomime von der „Schönen Müllerin“, die sich die Gefangenen vorspielen, macht es ein paar Männern unverhohlen Spaß, sich halbnackt im Schlamm zu wälzen und aneinander zu reiben. Doch auch da wurden zuvor Alexandr Petrović Gorjančikov (grandios gespielt und gesungen von Johan Reuter) und der junge Tatar Aljeja (an Krücken humpelnd, dabei wunderbar sanft singend und mit jungenhaft staunenden Augen ungläublich das Geschehen um sich betrachtend: Bekhzod Davronov) beim Spiel im Spiel immer wieder rüde gemobbt. Während des ersten Monologs, in dem Luka (Stefan Rügamer) von sich und seinem Mord an einem Major erzählt, herrscht bei den Mitgefangenen eine Mischung aus abschätzigem Lachen und fast ausgelassen heiterer Stimmung. Doch schon im zweiten Akt, als Skuratov (mit viriler, scharf geschnittener Charaktertenor-Intensität: John Daszak) von seiner Gewalttat erzählt und dazu unbeholfen tanzt, steigen Temperatur und Spannung.

Kammerspiel auf nackten Tischen

Ein Kammerspiel herrscht dann im dritten Akt, der in der Krankenbaracke spielt, während alle Einwürfe der Gefangenen nur aus dem Off kommen. Hier gibt es nur drei nackte Tische, auf denen Aleja liegt, der mit Gorjančikov ein fürsorgend zärtliches Vater-Sohn-Verhältnis offenbart. An ihnen sitzt auch „Der Alte“ (in Gestalt des 74-jährigen Neil Shicoff besitzt er trotz weniger Worte eine große stumme Bühnenpräsenz), Šapkin (Alexey Dolgov), Čekunov (Stephan Bootz), Čerevin (Elmar Gilbertsson) und vor allem Šiškov. Der ringt lange mit sich, bis seine „Beichte“ immer dringlicher aus ihm hervorbricht. Da herrscht plötzlich eine fast unerträgliche Intensität. Denn das ist die längste und letztlich brutalste Erzählung: Eine wüste Mischung aus missverstandener Ehre, Lügen, dem goldenen Kalb der Jungfräulichkeit und letztlich – am tödlichsten – der endgültigen Verweigerung der wohl nur vorgespielten Liebe. Leigh Melrose hat dafür einen ungemein flexiblen Bariton und eine Ausdrucksintensität im Spiel zur Verfügung, dass man sich beinahe in den Nahaufnahmen eines Films wähnt. Und weil der Rivale unter falschem Namen am Tisch sitzt und sich entlarvt, verübt er einen zweiten Mord, während dieser Luka (alias Filka) bei Janáček bereits im Sterben liegt.

Indirekter, intensiver Orchesterklang

Auch wenn man das Orchester in der Stahlkonstruktion des mittleren Gefängnishofs manchmal nur indirekt zu hören ist, weil das Geschehen sich lautstark unmittelbar vor den Zuschauern abspielt, so ist doch immer die kammermusikalische Intensität zu spüren, die Dennis Russel Davies von den Bochumer Symphoniker mit sprechender Gestik einfordert. Man kann sie über zahlreiche Monitore verfolgen, die die Sänger für die präzise Abstimmung brauchen, denn das Orchester spielt ja immer hinter ihrem Rücken. Doch gerade weil die singenden Darsteller so in den Vordergrund rücken, hört man wie präzise in jeder Hinsicht gesungen und gespielt wird.

Einen niederschmetternden Theater-Coup hat sich Tcherniakov für die finalen Takte ausgedacht und krönt damit seine ebenso unerbittliche wie anrührend glaubwürdige Inszenierung, bei der Spiel und Realität verschwimmen und sich niemand dem Geschehen entziehen kann. Am Ende feiern alle am Tisch ausgelassen die plötzliche Befreiung Gorjančikovs. Der wahrlich raumgreifende Platzkommandant (Peter Lobert mit furchteinflößendem Bass) gibt sie bekannt, entschuldigt sich für die anfängliche Misshandlung und verteilt süße Kringel. Doch kurz vor Schluss: ein plötzlicher Blackout. Als das Licht wieder angeht, sitzt der vermeintlich befreite politische Gefangene plötzlich wieder im stahlblauen Licht am Tisch, während die anderen um ihn herum wieder wie zu Beginn der Szene schlafen – oder schon tot sind!

Da wird der Mann, der die heimliche Hauptfigur der Oper ist, die meisten Demütigungen und Misshandlungen zu ertragen, aber als einziger keinen Mord zu gestehen hat, von herzzerreißend bitterem Gelächter geschüttelt, das in lautes Wimmern übergeht. Die Befreiung war also nur ein schöner Traum: erneuter Blackout nach dem letzten, wild aufstöhnenden Akkord! Und unbändiger Jubel für alle!