Klingt nach einem guten Deal, doch ohne Einschränkungen geht es wie in den meisten Provisorien natürlich nicht. Da wäre zum einen die Heizung, die mal mehr, mal weniger lautstark warme Luft in das Zelt bläst und die elektronische Verstärkung, die in so einer akustischen Umgebung notwendig ist. Ohne geht es nicht, frieren will schließlich niemand und verstehen soll das Publikum ja auch etwas. Das klappt erstaunlich gut. Bei der Premiere der Trilogie mit Werken des amerikanischen Komponisten Jake Heggie ist es trotz eisiger Temperaturen kuschelig warm im Zelt und die Verständlichkeit ist exzellent – auch wenn die Anlage bei manchen Frequenzen durchaus an ihre Grenzen gerät.
Drei Ansätze
Hausherr Markus Dietze hat drei Stücke von Jake Heggie auf die Bühne gebracht. Um den Choreinakter „The Radio Hour“ gruppieren sich zwei szenisch eingerichtete Liederzyklen: „Into the Fire“ über die Bildhauerin Camille Claudel und „Four Meditations on Love“, ein Auszug der Oper „Dead Man Walking“, die man in Koblenz zu Coronazeiten auf die Bühne gebracht hat. Jeder der drei Teile hat seinen eigenen Ansatz. Der dritte Teil etwa wird als Ballett auf die Bühne gebracht, Danielle Rohr als einzige Sängerin mittendrin. Das hauseigene Ballett besticht durch starken Ausdruckstanz, die Choreografie von Andreas Heise bringt die Stimmung und inhaltliche Essenz der Lieder außergewöhnlich intensiv zum Ausdruck.

Danielle Rohr, Ballett des Theaters Koblenz. Foto: Matthias Baus
Daniele Rohr singt fabelhaft, eine große Stimme: facettenreich, ergreifend, intensiv. Schade nur, dass dieser Teil eher als dramaturgischer Appendix wirkt. Mit einer Dauer von weniger als 20 Minuten ist er kürzer als die eigens dafür notwendige zweite Pause. Begeistert wird er vom Koblenzer Publikum dennoch aufgenommen, ebenso wie der erste Teil, eine szenische Einrichtung eines Liederzyklus über das tragische Leben der Bildhauerin Camile Claudel. Auch hier beeindruckt Danielle Rohr mit einer hoch dramatischen und intensiven Ausdeutung ihrer Partie. Unterstützt wird sie durch einen Tänzer (Andreas Heise), der Claudels Skulpturen darstellt, und eine zweite stumme Figur (Franziska Feser), die Claudel bei der Arbeit zeigt. Die Umsetzung ist ebenso eindringlich wie intensiv. Heggies eher belanglos und epigonal wirkende Musik jedoch versteckt sich – im Gegensatz zu der ungeheuer dramatischen „Dead Man Walking“-Partitur – weitgehend hinter stilistischen Anleihen bei Debussy und der Spätromantik. Hier beeindruckt die Inszenierung durch Markus Dietze weitaus mehr als das Stück.
Choroper macht Laune
Im Zentrum des Abends steht die Choroper „The Radio Hour“. Der Plot ist durchaus originell: Eine stumme Protagonistin (sehr präsent: Jana Gwosdek) kommt nach einem – O-Ton – „Scheißtag“ resigniert nach Hause, wird durch verschiedene Verwicklungen quasi in das laufende Radioprogramm eingesogen und kommt am Ende persönlich verwandelt zurück. Eine schöne Metapher, die positiv und aufbauend wirkt, aber nicht platt. Laune macht das Stück außerdem. Heggies Musik ist hier deutlich avancierter, der von Lorenz Höß einstudierte Chor singt fabelhaft und hält selbst in einigen reichlich tumultuösen Szenen die Spannung in der temporeichen Oper. Kurzweilig, unterhaltsam und erbaulich ist dieser Einakter, nicht zuletzt auch, weil die Inszenierung von Hausherr Markus Dietze seine Qualitäten nachdrücklich unterstreicht.

Jana Gwosdek, Chor des Theaters Koblenz. Foto: Matthias Baus
Das Staatsorchester Rheinische Philharmonie spielt an diesem Abend ausgezeichnet, obwohl es von den Bedingungen im Theaterzelt vermutlich am stärksten betroffen ist. Es spielt von einer Seitenbühne und muss elektronisch zugespielt werden. Es gibt keinen direkten Sichtkontakt zur Bühne, alles wird über Bildschirme koordiniert. Dennoch, das Zusammenspiel funktioniert erstaunlich reibungslos, was die Qualitäten des von Sejoon Park und Lorenz Höß (Choroper) dirigierten Klangkörpers nur noch mehr unterstreicht. Und was den Mehrwert anbetrifft: Im Kartenpreis enthalten ist die Fahrt mit der Seilbahn hoch zur Festung Ehrenbreitstein. Wenn das kein Grund für einen Opernbesuch ist, die Heggie-Trilogie ist es alles in allem durchaus.
