Dazu hat Bernstein eine Liebeserklärung an alle abendländische Musik komponiert: vom Syphilis-Walzer über schräge Alarm-Bläser hin zu Polka, Mazurka, spanischen Fandango- und Flamenco-Rhythmen bis zur Gavotte – gipfelnd in Cunegondes „Glitter an be gay“, die alle grandiosen Koloraturarien des 19.Jahrhunderts persifliert. Dazu kontrastieren dann die kurzen Klage-Arien Candides, in denen die Musik zu humaner Tiefe findet. Einzig richtig, dass sich der musikalische Chef des Gärtnerplatztheaters Marco Comin all dessen angenommen hat und mit dem Orchester perfekt differenziert aufspielte.
Das gelang, obwohl er und das Orchester auf einer Tribüne hinter einer transparenten alten Weltkarte und der vertieften Spielfläche davor postiert waren. Doch so wie schon die Moritatenbildchen von Bühnenbildner Rainer Sinell auf den Seitenwänden der Reithalle die Stationen von Candides „Welt-Er-fahr-ung“ bunt reihten, so vielfältig wurden auch alle Seitengänge, Treppen und Zentralbühne bespielt. Ex-Tänzer-Regisseur-Choreograph Adam Cooper brachte seine Londoner Erfahrungen mit und animierte das gesamte Ensemble zur überbordend quirligen „Welten-Show“. Rasant wechselten in Alfred Mayerhofers pfiffigen Kostümen Tänzer, Chor und die meisten Solisten in Mehrfachrollen von Europa über Südamerika, den Dschungel und Südostasien ins für das heutige Europa schon von Voltaire gewählte „Casino Venedig“. Alle wurden mit „Bravi!“ gefeiert, voran Alexander Franzen als Voltaire-Pangloss-Cacambo-Martin, die resolute „Alte Dame“ von Dagmar Hellweg, Erwin Belakowitsch als Baron Maximilian und x-facher Offizier, Juan Carlos Falcon und Holger Ohlmann in bis zu sieben Rollen. Gideon Poppe war eine Idealbesetzung für den naiv gutgläubigen „ewigen Jungen“ Candide und erfüllte dessen Klagen mit anrührender Verletzlichkeit in intim gesponnenen Piano-Phrasen. Doch wie das ganze Ensemble klatschte auch er seiner Partnerin Cornelia Zink am Ende: binnen zwei Tagen war sie in diese rasante Inszenierung samt turbulenten Kostümwechseln und Auftritten eingesprungen, brillierte mit Koloratur, Spitzentönen und fehlerlosem Rollenspiel.
Nach allem Beifall, Jubel und Bravo stellte sich in der Ruhe des nächtlichen Heimwegs dann auch die Erkenntnis ein, dass wir seit Luther, Voltaire, Ditfurth und Bernstein nichts an Demut und Bescheidenheit in und mit dieser unserer Welt dazugelernt haben – „Candide“ also als wär’s „Ein Stück von Heute“: bewundernswert und bitter.
