Das Ensemble macht eine Gruppenpose für das Publikum. Rotkäppchen steht in der Mitte, rechts und links knien zwei Darstellende auf dem Boden und hinter ihr stehen zwei in der Lücke. Alle sehen feierlich aus.

Der Wolf als Fremder

Sergej Gößner: Rotkäppchen und Herr Wolff

Theater:Badische Landesbühne, Premiere:19.04.2026Vorlage:RotkäppchenAutor(in) der Vorlage:Brüder GrimmRegie:Linda BockmeyerKomponist(in):Simon Wenigerkind

Die Badische Landesbühne Bruchsal bringt „Rotkäppchen und Herr Wolff“ von Sergej Gößner auf die Bühne. Dabei verlegt Regisseurin Linda Bockmeyer das märchenhafte Stück in eine Art Zirkuswelt.

Der Wolf ist wieder da und mit ihm die Angst. In „Rotkäppchen und Herr Wolff“ erzählt Sergej Gößner von den Vorurteilen gegen den Fremden, dem, ohne diesen gesehen zu haben, alles Negative untergeschoben wird. Im Dunkelwald war kein Leben mehr möglich. So musste Herr Wolff, der gerne Geschichten erzählt, in den Märchenwald ausweichen. Sein Heulen wurde gehört, das Verschwinden der sieben Geißlein, die eigentlich auf Schneeferien sind, wird ihm zugeschrieben. Schon formiert sich die Bürgerwehr um den Jäger, denn nur „ein Mann mit Waffe“ kann eingreifen.

Parallelen zu aktuellen politischen Verhaltensweisen – wenn das Stück auch schon 2021 uraufgeführt wurde – scheinen nicht zufällig. In der Inszenierung von Linda Bockmeyer am Jungen Theater der Badischen Landesbühne Bruchsal läuft das Ensemble erst einmal zu einem Protestmarsch für die Vernichtung des Wolffs auf. Nur Rotkäppchen spielt nicht mit: Sie meint, man müsse Herrn Wolff erst kennenlernen und mit ihm reden. Natürlich begegnen sie sich im Wald. Sie nimmt ihn mit zur Oma. Zusammen schmieden sie Pläne, wie Herr Wolff vor dem Jäger, der schon von dessen Pelz träumt, geschützt und in die Gemeinschaft des Märchenwaldes aufgenommen werden kann.

Zwei in Cowboy-Kleidung angezogene Personen heben die rechte Hand zum Himmel. Im Hintergrund steht eine bunt bemalte Holzwand.

Die Bühne hat ein zirzensisches Ambiente. Foto: Sonja Ramm

Manege frei!

Für diese Inszenierung, die auch als Freilicht-Spektakel konzipiert ist, hat Christian Robert Müller ein zirzensisches Ambiente geschaffen. In der Mitte dominiert von einem Auftrittstor in wölfisch-hündischer Aufmachung. Die Kostüme, ebenfalls von Christian Robert Müller, verbinden akrobatische oder harlekinhafte Elemente. Das Rotkäppchen von Kim Vanessa Földing trägt einen roten Frack, ähnlich wie Zirkusdirektoren. Mit ihren Interventionen und Einfällen leitet sie die Handlungen an. Herr Wolff, den Jonathan Parr nonchalant herausspielt, ist korrekt in einem schwarzen Anzug mit schwarzem Zylinder gekleidet. Immer wieder baut Bockmeyer kleine zirzensische Kunststücke ein. Die Musik von Simon Wenigerkind, zwischen Zirkus, Swing und Hardpop changierend, unterstützt die Atmosphäre.

Linda Bockmeyer balanciert in ihrer Regie zwischen Unterhaltung, die haarscharf am Klamauk vorbeischrammt, und dem demokratischen Grundanliegen des Stücks auf hohem Niveau. Was dem Autor Sergej Gößner am Herzen liegt, in einer spielerischen Parabel die Mechanismen offenzulegen, die den Fremdenhass begründen, wird in dieser Inszenierung umgesetzt. Wie es Kim Vanessa Földing am Ende gelingt, das junge Publikum in lauter heulende Wölfe zu verwandeln – damit Herr Wolff nicht mehr einsam ist – ist überzeugend. Annamae Endtinger als Jäger wechselt in ihrer Darstellung zwischen beachtlicher Eitelkeit und strotzender Naivität, wie wir von Trump wissen, keine ungefährliche Mischung. Trotzdem bleibt die Rolle – nicht wie die Wirklichkeit – harmlos. Michaela Finkbeiner als in Pilatesübungen firme Oma im Harlekinkostüm überzeugt durch ihren Spielwitz. Simon Wenigerkind schließlich als opportunistische Frau Eberle, die sich am Ende mit dem Jäger liiert, bringt ein, wie eine Figur sich immer nach dem Wind dreht.

Eine gelungene Inszenierung, der viel Publikum zu wünschen wäre.