Minimalistisches Fertighaus
Das Fertighaus aus Metallstangen steht auf der Bühne des Grillo-Theaters. Von drei Seiten kann man beobachten, wie sich Kirk und Ehe Chor in der minimalistischen Wohnlandschaft (Ansgar Prüwer) gegenüberstehen. Der Chor verweigert die ihm auferlegten „ehelichen Pflichten“ und fordert stattdessen mehr Theorie für die Lebenspraxis. Das Ziel: Endlich selbstbestimmt und frei leben.
Anstatt einer Zweierbeziehung entscheidet sich Anne Lepper in ihrem Stück dafür, die gesellschaftliche Dimension der Hetero-Ehe durch einen Chor aus drei Personen darzustellen, der als Ehegattin fungiert. Die Figuren bleiben bewusst symbolisch, fremd und kühl. Das Private ist hier längst politisiert, die Charaktere durch ihre Verhältnisse gesteuert und der Chor durch die Unterdrückungserfahrungen fragmentiert, wenn auch verbunden. Die Mauern dieser Verhältnisse zementiert Anne Lepper oft in ruhelos rhythmisierenden Monologen und zeigt ihren postdramatischen Zugriff auf Sprache, indem Sie mit ihr die künstlerische Realität formt und deformiert. Dies geschieht häufig mithilfe von Zitaten aus Musik, Film und Literatur wie von Ernst Lubitsch, Marx, Hitchcock, Morrissey oder Cassavetes.

Jan Pröhl (Dirk), Sabine Osthoff (Chorführerin), Lene Dax und Silvia Weiskopf (Ehe-Chor). Foto: Martin Kaufhold
Gewaltausbrüche und Patriarchatsverfechter
Regisseur Felix Krakau setzt während der zerstörerischen Gewaltausbrüche der Männer auf Slow-motion Elemente und arbeitet gezielt mit dem drehbaren und wandlosen Fertighaus, sodass eine organische Verflechtung von Text und Bild entsteht. Jedoch spiegelt sich die visuelle Perspektivenvielfalt und Finesse der Inszenierung inhaltlich nicht immer wieder. So verbleiben die Figuren Kirk und Dirk in der einseitigen Darstellung als stumpfe, unreflektierte Verteidiger des Patriarchats. Auf einem Bett von treibenden Elektro-Beats (Timo Hein) doziert die Chorführerin (Sabine Osthoff) in atemberaubender Geschwindigkeit über Kapitalismus, Geschlechterkampf und Faschismus – Themen, die zwar miteinander verbunden sind, in ihrem Umfang aber den Rahmen sprengen und in der Luft stehen bleiben. Der von Kirk und Dirk schließlich durchgeführte Femizid am Ehe-Chor wird juristisch nicht bestraft und von Lepper sogar mit einer Frankenstein-Anspielung weitergesponnen. Das Ergebnis: Eine Ehe-Gattinnen-Maschine, deren Entwicklung die emotionale Kälte des Abends durch Groteske auf die Spitze treibt. („Wie viele Vaginen hast du verbaut?“)
Indem emotionale Verbindungen zu den Figuren verweigert werden, sorgt die daraus hervorgehende intellektuell distanzierte Ästhetik dafür, dass die Macht- und Fatalitätsstrukturen teilweise eher reproduziert als durchbrochen werden– Strukturen, aus denen sich die Figuren eigentlich emanzipieren sollen.
