Aufführungsfoto von „Cow | Deer“ von Katie Mitchell, Nina Segal und Melanie Wilson an der Schaubühne Berlin. Vier Menschen stehen nebeneinander aufgereiht an einem langen Tisch mit Mikrofonen, auf dem sich viele Gegenstände zur Lauterzeugung befinden.

Eine Kuh, ein Reh und keine Widersprüche

Katie Mitchell, Nina Segal, Melanie Wilson: Cow | Deer

Theater:Schaubühne, Premiere:22.04.2026Regie:Katie Mitchell

„Cow | Deer“ von Katie Mitchell, Nina Segal und Melanie Wilson versucht sich auf dem Festival Internationale Neue Dramatik (FIND) an der Schaubühne Berlin an einer ästhetischen Antwort auf die Frage „Wie kann der Mensch aufhören, unablässig um sich selbst zu kreisen?“. Das Gastspiel des National Theatre of Greece und des Royal Court Theatre ist eine akustische Intervention, der es allerdings an Konflikten fehlt, um eindrücklich zu wirken.

Wenn Kritiker:innen im Theater sitzen, dann ist das Zuschauen in den meisten Fällen von einer in ihrer Wiederholung bereits automatisierten Sehbewegung bestimmt: dem Blick von der Bühne auf das Notizbuch, und vom Notizbuch wieder zur Bühne. Ein Ablauf, der so choreografiert ist, dass möglichst wenig visuelle Eindrücke verloren gehen; möglichst keine Handlung verpasst wird. Die Inszenierung „Cow | Deer“ an der Berliner Schaubühne interveniert eben diesen eingespielten Ablauf. Denn die Regisseurin Katie Mitchell hat es sich gemeinsam mit der Soundkünstlerin Melanie Wilson und der Autorin Nina Segal zur Aufgabe gemacht, eine Erzählung – visuell im Verborgenen liegend – ausschließlich über das Ohr ihrer Protagonist:innen zu ästhetisieren. Wie bereits im Titel angekündigt, handelt es sich im Fall von „Cow | Deer“ dabei um eine Kuh und ein Reh.

Augen zu oder Augen auf

Nachdem die Perfomer:innen Korina Kokkali, Christos Thanos, Joanna Toumpakari, Alexandros Zotaj zu Beginn der Inszenierung ihren Platz auf der Bühne eingenommen haben, gibt es für die Zuschauenden also zwei Möglichkeiten: Augen zu, oder Augen auf. Fällt die Entscheidung auf die erste Variante, dann setzt sich vor dem inneren Auge schnell ein Bild zusammen: eine Wiese durch dessen hohe Gräser ein seichter Wind weht, hier und da ein Hase, und von Zeit zu Zeit auch mal ein Vogel. Vom Klang der Hufe getragen, ergeben sich für Kuh und Reh immer wieder neue situative Anordnungen: trinken, essen, pinkeln, weglaufen und gebären.

Aufführungsfoto von „Cow | Deer“ von Katie Mitchell, Nina Segal und Melanie Wilson an der Schaubühne Berlin. Ein Mann und eine Frau beugen sich über ein Mikrofon und eine halbe Wassermelone, die auf Gras liegt. Der Mann fasst mit seinen Fingern in die Melone.

Die Geburt eines Kälbchens: „Cow | Deer“ von Katie Mitchell, Nina Segal und Melanie Wilson an der Schaubühne Berlin. Foto: Valeria Isaeva

Und wenn sich hinter den eigenen Augenlidern allmählich doch die Neugierde einstellt, wer oder was hier gerade eigentlich stampft, scharrt, plätschert oder knabbert, lässt sich immer wieder aufs Neue die Entscheidung treffen, den Blick auf die altbekannte Theaterbühne zu werfen und die wortlose akustische Illusion in ihrer Konstruiertheit unter die Lupe zu nehmen. Zu sehen, wie das Gluckern einer trinkenden Kuh sich über das Hin-und-Her-Kippen einer halb befüllten Wärmflasche in unsere Ohren schleicht; oder wie der Griff in eine aufgeschnittene Wassermelone von der Geburt eines Kälbchens erzählt.

Zuhören statt interpretieren

Die ästhetische Anordnung dieser Arbeit – so formuliert es der Ankündigungstext auf der Webseite des Theaters – lade das Publikum entlang eines Perspektivwechsels dazu ein, „die Welt nicht zu interpretieren, sondern ihr zuzuhören.“ Wer dieser Einladung Folge leisten möchte, sieht sich allerdings bereits nach wenigen Sekunden mit einer zutiefst menschlichen Sehnsucht konfrontiert: und zwar mit unserer Fähigkeit, sinnliche Wahrnehmung in Narrationen zu denken. Und so führt auch kein Weg daran vorbei, dass in jedem Zuhören eine Vielzahl von Fragen steckt: Erzählt dieses Rascheln gerade etwa von einer Begegnung zwischen Kuh und Reh? Zu wem gehören die menschlichen Schritte, mit denen die Trennung von Mutterkuh und Kälbchen sich akustisch vermittelt? Und ist das Reh auf die Straße – und damit in seinen Tod vor einem Auto – gelaufen, weil es vom Lärm der Züge und Flugzeuge in die Enge getrieben wurde?

Eigentlich ist es genau diese Gier nach Narrationen, die das Theater über Jahrhunderte am Leben gehalten hat und die in dem ästhetischen Experiment dieses Abends durchaus aufflammt. Doch mit der Zeit erstickt die Flamme in der Enge der Anordnung. Oder anders: Was gelingt, ist eine ästhetische Intervention – doch die Tür, die sich dabei öffnet, bleibt undurchschritten. Denn um sich tatsächlich in den Ohren der Zuschauenden einzunisten, fehlte es der Inszenierung an formulierten Widersprüchen. Es fehlt an Konflikten – und damit an dem gedanklichen Potenzial, das diese zu entfesseln vermögen.