Augen zu oder Augen auf
Nachdem die Perfomer:innen Korina Kokkali, Christos Thanos, Joanna Toumpakari, Alexandros Zotaj zu Beginn der Inszenierung ihren Platz auf der Bühne eingenommen haben, gibt es für die Zuschauenden also zwei Möglichkeiten: Augen zu, oder Augen auf. Fällt die Entscheidung auf die erste Variante, dann setzt sich vor dem inneren Auge schnell ein Bild zusammen: eine Wiese durch dessen hohe Gräser ein seichter Wind weht, hier und da ein Hase, und von Zeit zu Zeit auch mal ein Vogel. Vom Klang der Hufe getragen, ergeben sich für Kuh und Reh immer wieder neue situative Anordnungen: trinken, essen, pinkeln, weglaufen und gebären.

Die Geburt eines Kälbchens: „Cow | Deer“ von Katie Mitchell, Nina Segal und Melanie Wilson an der Schaubühne Berlin. Foto: Valeria Isaeva
Und wenn sich hinter den eigenen Augenlidern allmählich doch die Neugierde einstellt, wer oder was hier gerade eigentlich stampft, scharrt, plätschert oder knabbert, lässt sich immer wieder aufs Neue die Entscheidung treffen, den Blick auf die altbekannte Theaterbühne zu werfen und die wortlose akustische Illusion in ihrer Konstruiertheit unter die Lupe zu nehmen. Zu sehen, wie das Gluckern einer trinkenden Kuh sich über das Hin-und-Her-Kippen einer halb befüllten Wärmflasche in unsere Ohren schleicht; oder wie der Griff in eine aufgeschnittene Wassermelone von der Geburt eines Kälbchens erzählt.
Zuhören statt interpretieren
Die ästhetische Anordnung dieser Arbeit – so formuliert es der Ankündigungstext auf der Webseite des Theaters – lade das Publikum entlang eines Perspektivwechsels dazu ein, „die Welt nicht zu interpretieren, sondern ihr zuzuhören.“ Wer dieser Einladung Folge leisten möchte, sieht sich allerdings bereits nach wenigen Sekunden mit einer zutiefst menschlichen Sehnsucht konfrontiert: und zwar mit unserer Fähigkeit, sinnliche Wahrnehmung in Narrationen zu denken. Und so führt auch kein Weg daran vorbei, dass in jedem Zuhören eine Vielzahl von Fragen steckt: Erzählt dieses Rascheln gerade etwa von einer Begegnung zwischen Kuh und Reh? Zu wem gehören die menschlichen Schritte, mit denen die Trennung von Mutterkuh und Kälbchen sich akustisch vermittelt? Und ist das Reh auf die Straße – und damit in seinen Tod vor einem Auto – gelaufen, weil es vom Lärm der Züge und Flugzeuge in die Enge getrieben wurde?
Eigentlich ist es genau diese Gier nach Narrationen, die das Theater über Jahrhunderte am Leben gehalten hat und die in dem ästhetischen Experiment dieses Abends durchaus aufflammt. Doch mit der Zeit erstickt die Flamme in der Enge der Anordnung. Oder anders: Was gelingt, ist eine ästhetische Intervention – doch die Tür, die sich dabei öffnet, bleibt undurchschritten. Denn um sich tatsächlich in den Ohren der Zuschauenden einzunisten, fehlte es der Inszenierung an formulierten Widersprüchen. Es fehlt an Konflikten – und damit an dem gedanklichen Potenzial, das diese zu entfesseln vermögen.
