Foto: Hund und junger Adler © Jasmin Schuller
Text:Detlev Baur, am 23. April 2026
In den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin inszeniert Jorinde Dröse mit einem starken Team „Bookpink: New Arrivals“ von Caren Jeß. Die Uraufführung überzeugt handwerklich, zeichnet aber drei wenig irritierende Vogel-Mensch-Welten.
Den drei kurzen Stücken, einer Fortsetzung vorheriger Vogeldramen unter demselben Obertitel „Bookpink“, ist von der Autorin eine menschliche Hauptfigur in der „Einleitung“ vorangestellt. Caren Jeß huldigt darin ihrer Großmutter, die ihrer Enkelin alternatives Denken – oder vielmehr einen alternativen Blick auf die Welt – vorgelebt hat. Die Vogelkennerin – „Bookpink“ beruht auf dem plattdeutschen „Bookfink“ für „Buchfink“ – animierte zum „hör mal“, sie „lud mich dadurch ein, die Welt mit allen Sinnen wahrzunehmen, die mir zur Verfügung stehen.“ Und dafür, so die Autorin, ist das Theater als alle Sinne stimulierender Ort der Verwandlung der ideale Ort.
„Die Adler“ mit Daria von Loewenich, Bernd Moss und Natali Seelig (v.l.n.r.). Foto: Jasmin Schuller
In Jorinde Dröses Uraufführung von „Bookpink: New Arrivals“ beginnt Bernd Moss – nach Ansage der normalerweise vom Band kommenden Handywarnhinweise des Theaters – im pelzigen braunen Pullover den Vorbericht, dann gesellt sich Natali Seelig zu ihm, es bildet sich ein Vogel-Duo, das bald ins erste Minidrama überwechselt: In „Die Adler“ spielt Daria von Loewenich die dominante, skrupel- und fast mitleidslose Mama, während Natali Seelig den zerrupften, pubertierenden Sohn gibt und Bernd Moss den Schäferhund namens Success, der sich zwischen Herren und Kiff-Kumpel in seinen Loyalitäten aufreibt.
Eine Art Familiendrama
Die drei Spieler:innen füllen die skurrile Geschichte, das alternative Familiendrama um den irgendwie gar nicht so schwachen schwächeren Zwillingssohn, eine Bruder mordende Abel-Figur, und um die sozialdarwinistische Mutter sowie den Schäferhund zwischen den Fronten mit großer Spielfreude und präzisem Timing. Bernd Moss erweist sich wieder einmal als Charakter-Komödiant, Natalie Selig gelingt die komisch-erschreckende Darstellung eines jungen Mannes in Entwicklung, Daria von Loewenich posiert als tumbe Chefin, hat dabei eher ein Klischee zu bedienen. In ihrer folgenden Rolle, als verwirrte und die Welt verwirrende feministische Kolibri kann sie hingegen in eine ganz andere Rolle eintauchen.
„Nullipara Kolibri“ mit Daria von Loewenich und Bernd Moss. Foto: Jasmin Schuller
Grandios sind die Kostüme von Juliane Kalkowski. Sie halten die poetische Balance zwischen Tierrolle und Menschen-Allegorie und geben dem grandiosen Dreier-Ensemble Freiheit und zugleich Form fürs Spiel. Auch Kathrin Froschs Bühne überzeugt. Zunächst ein enger pinker Raum für die Adler-Sippe, der sich nach dem Fall der Rückwand fürs zweite Drama „Nullipara Kolibri“ öffnet und einen Blick auf eine erst blühende, am Ende luftlos-schlaffe Vulva-Blüte bietet. Das Drama mäandert trickreich, und etwas ziellos um die Krankenhaus-Misshandlung der sterilisierungssuchenden Kolibri-Dame Frau Pétain, um die die präpotente Chefärztin Dr. Februar (Natali Seelig) und den unsicheren, unzufriedenen Assistenen Herr Titsch (Bernd Moss).
„Nikki die Kanarie“ mit Natali Seelig und Bernd Moss. Foto: Jasmin Schuller
Im dritten Teil, „Nikki die Kanare“, werden dann Text und ihn szenisch belebende Inszenierung etwas godothaft-depressiv. Erzählt wird von Cords tristem Leben und Sterben und seinem Kanarienvogel Nikki, der vom Zilpzalp zur Flucht aus dem Käfig und damit in eine unsichere Zukunft geführt wird. Hier sind die Rollen kaum noch zu unterscheiden. Der langsame Cord ist überall, die flatterhafte Freiheit wirkt weit entfernt.
Handwerklich überragend
Der dramaturgische Bogen ist schlüssig, der Umgang der Regie mit dem geistreichen Text ebenso, die drei Darsteller:innen überzeugen bei der Premiere über gut anderthalb Stunden mit Präzision in Tempo und Rollenwechseln sowie deutlich sprühender Spielfreude; die drei sind ein starkes Team. Bühne und Kostüme, Sound (Musik: Lars Wittershagen) und Licht (Thomas Langguth) sind handwerklich vom Feinsten.
Und doch bleibt das Spiel für den Kritiker eine eher harmlose Irritation. Die Sinnlichkeit von „Bookpink: New Arrivals“ schafft wenig herausfordernde Brüche; Fabel und Allegorie wirken unverbindlich. Das „Dramatische Kompendium“ entwickelt wenig Spannweite, bleibt als Hörstück in einer Kunstwelt, die ziemlich indirekte Brücken in die Gegenwart schlägt.