Dass aus dem Bild auch wirklich fesselndes Musiktheater wird – das freilich bewirkt erst Gürbacas starke Personenführung, die die Handlung mit präzise inszenierten Assoziationen und Metaebenen umgibt. Diese Aufführung steckt voller sinnerfüllter Tableaus und Aktionen. Verdi erzählt hier ja sehr genau vom Verhältnis der Lebenden zu den Toten: Die Toten sind sozusagen für das schlechte Gewissen ihrer Mörder zuständig, sie suchen sie heim, treiben sie in den Wahnsinn und werden so zu Rächern der Weltgerechtigkeit. Tatjana Gürbaca kehrt das gleichsam um: Sie erzählt vom Verhältnis der Toten zu den Lebenden, die die Gemordeten weniger als Rächer heimsuchen, sondern vielmehr als Erlöste.
Ihre Gelöstheit aber spendet keinen Trost, viel eher verspottet sie die Mörder. Wenn Duncan mit Macbeth zu einer dieser typischen Drei-Achtel-Beschwingtheiten, für die sich Verdis Musik noch in der finstersten Katastrophe Zeit nimmt, ein Tänzchen wagt, spürt man: Der Tote hat’s hinter sich und ist heilfroh darüber – und dreht nun mit dem Lebendem, der noch ganz und gar gefangen ist in all seinem Ehrgeiz und seiner Machtgier, eine hübsche ironische Pirouette. Denn der Tote weiß, dass auch sein Mörder bald ein Opfer sein wird; hier entgeht keiner dem wüsten Schicksal. Das macht Gürbaca im Ballett zu Beginn des dritten Aktes unmissverständlich klar: Die „spirti erranti“ (umherschweifenden Geister), die die Hexen da beschwören, zeigen die schottische Königsfolge als eine blutige Sequenz von Mord und Usurpation und laden am Ende Macbeth ein, sich einzureihen. Diese Inszenierung steckt voller solcher Anspielungen, viel mehr, als man hier erzählen kann. Man muss das sehen. Und man sollte es sehen!
Und hören. Was das Mainzer Orchester unter seinem GMD Hermann Bäumer an präziser Differenzierung und geschliffener Zuspitzung leistet, ist erstaunlich. Man hört einen dramatisch hochgespannten Verdi, der doch nie ins Grobschlächtige kippt. Und der von Sebastian Hernandez-Laverny vorzüglich einstudierte Chor trägt diesen anspruchsvollen Interpretationsansatz mit Hingabe und Können mit. Und dann hat das Mainzer Staatstheater mit Heikki Kilpeläinen einen Macbeth in seinem Ensemble, um den man das Haus nur beneiden kann. Der Finne ist der Partie nicht nur gewachsen, er gibt ihr auch ein total überzeugendes eigenes Profil, das vor allem auf die Gebrochenheit dieses Finsterlings abzielt: nuanciert gestaltend, zurückhaltend in der Dynamik, mit faszinierenden Zwischentönen. Und selbst als Ruth Staffa, die Sängerin der Lady, in den Endproben erkrankte, bescherte das Künstlerglück dem Haus mit Karen Leiber vom Mainfrankentheater in Würzburg eine Künstlerin, die diese Partie nicht nur mit großer Präsenz singt, sondern bereits nach wenigen Proben auch mit beeindruckender darstellerischer Intensität aufwarten kann. Auch all die mittleren und kleineren Partien dieser Oper – José Gallisas Banco, Patricia Roachs Kammerfrau, Thorsten Büttners lyrisch ausdrucksvoller Macduff – waren tadellos besetzt.
Übrigens brachte das Wochenende damit auch einen spannenden Verdi-Kontrast, der einiges über den aktuellen Stand der Verdi-Interpretation verrät. Tags zuvor war in Essen Dietrich Hilsdorf mit seiner realistisch aktualisierenden Inszenierung der nahezu zeitgleich mit „Macbeth“ entstandenen „Masnadieri“ ziemlich bald die Puste ausgegangen (Kritik hier). Gürbaca, Heyne und Willrett dagegen konnten mit einem konsequent surrealen künstlerischen Zeichen- und Verweisungssystem erstaunliche Tiefenschichten erschließen. Eine interessante Einsicht – zu irgendetwas also ist so ein Jubiläum offenbar doch gut.
