Safe-Space-Club
In Shakespeares Vorlage war dies König Henry IV., in Ewald Palmetshofers Überschreibung „Sankt Falstaff“ ins unbestimmte Hier und Heute ist es der Quasi-König Heinz, ein Autokrat, der sein Lebenselixier Macht mit Leichen füttert. Jeden Tag „ein bisschen mehr vom Untergang / Zerstörung – mehr / noch näher an den Kollaps ran / noch mehr Verteilungskampf“, so beschreibt Harri die Situation, wegen der er die zwei Rampen nicht mehr betreten möchte, die zum Haus der Macht seines Vaters führen, einem Plateau mit Sesselthron, wo eine Männerclique in unschuldsweißen Kostümen ihr Unwesen treibt. Die behauptete gesellschaftliche Gefühlslage ist und bleibt über drei Stunden: schwarz.
Als Alternative zum Wegdröhnen oder Schönsaufen des Alltags hilft Falstaff dem Harri auf, wiegt ihn wie ein Kind. Strahlt, zärtelt, liebt. Beide machen sich im konkreten wie übertragenen Sinne nackig, aber da wird es Harri zu heikel. Er flüchtet unter die Dusche. Wurde ihm doch schon entgegengehöhnt: „Wer bitte sucht sich seinen Sugardaddy in der Unterschicht?“ Hinreißend wie sehnsuchtsverzweifelt Oliver Meskendahls Falstaff für seine hilflose Zuneigung kämpft. Für menschliche Nähe und Wärme in frostigen Zeiten. Er gibt nie das Klischee des stets betrunken lästernden Lasterclowns, sondern zutiefst empathisch und würdevoll verlottert den existenzialistischen Narren mit schweißtreibender Daseinsfreude, aufklärerischem Geist und Klassenbewusstsein.

„Sankt Falstaff“ von Ewald Palmetshofer am Theater Osnabrück mit Michi Wischniowski. Foto: Joseph Ruben
Hier, ganz unten, macht sich Palmetshofer nicht wie Shakespeare über die Beschränktheit der einfachen Leute lustig, hier soll ein Funken Hoffnung noch irgendwo vorhandene Widerstandsgeister gegen den allgemeinen Defätismus entzünden, laut dem bald allerorts Extremisten regieren, „befeuert von der Hitze des Planeten, der verbrennt“. Falstaffs Heimat ist für den Autor ein Safe-Space-Club, wo noch freiheitlich gedacht, queer geliebt und einfach Spaß gehabt werden darf. Nur inszeniert Christian Schlüter all das nicht. Er glaubt wohl nicht an die alternative Realität als Generator des Widerstands und lässt daher im Nachtclub-Container nichts Anderes Trost spenden als aufploppende Bierflaschen. Dazu pulsieren mal billige Beats unter seichten Popsounds. Falstaff, dem Mutmacherherz, ist kein Resonanzraum gegönnt. Zukunftsentwürfe versacken im Eckkneipenmuff.
Süffisante Sprachspielerei
Aber der Text ist toll! Eine süffisante Sprachspielerei, gern auch mal mit Versmaß und Reimen, herrlich zwischen lyrischen Aufschwüngen und erdendem Zeitgeistjargon pendelnd, so dass „fucking Fakten“ dann schon mal ziemlich „krass“ sind. Zudem gelingt es mit der grundlegenden Neufassung besser als mit einer regiemeisterlichen Zurichtung des Originaltextes, von den „Unterdrückungsmitteln des Machterhalts“ zu sprechen, der staatlichen Gewalt sowie der sich in die Bürgerkörper einschreibenden Verrohung der totalitaristischen Politik sowie ihrer Phrasologie und Ausgrenzungsrhetorik.
So ganz nebenbei lassen sich patriarchale Strukturen erklären, die von einer „sehr lauten Minderheit“ installiert, gestützt werden, während die Mehrheit schweigt. So dass Falstaff dann zur großen Rede an das Volk auf eine Bierkiste steigt. Ja, in „unserem politischen Spektrum links der Mitte“ seien die Menschen durch interne Grabenkämpfe und Begriffs-Ziselierungen eher gelähmt. Und jetzt, böser Quasi-König Heinz, „sind in deiner gottverdammten Zukunft wir / man kann sie einfach wollen nicht / darin die Toxic eine Tugend ist / aus Sorge machst du Neid / aus Angst wird Hass / und aus Verzweiflung Wut / aus Hoffnungslosigkeit Zynismus / aus Verletzlichkeit der Wunsch, kaputt zu machen / ihr peitscht Affekte auf und melkt die bittre Milch aus unsren Emotionen“. Anrührend wie leidenschaftlich und doch so genau Falstaff gegen beispielsweise rechtspopulistische Entwicklungen argumentiert. Harri fehlen die Worte, das Publikum spendet begeistert Gesinnungsapplaus.
Ästhetisierende Schwärze
Dass man so gern dem flamboyant dargebotenen Libretto zuhört, so gern daraus zitiert, ist auch ein Problem. Der mäandernden Worte werden auf der Bühne zu viel gewechselt, die Inhalte nicht in Handlung übersetzt, nur das narrative Skelett des Shakespeare-Dramas verdeutlicht. Quasi-König Heinz, von Thomas Kienast im autoritär aggressiven Gestus überzeugend auf die Bühne gewütet, sucht einen Nachfolger. Da Harri in die Unterwelt abgetaucht ist, soll der landesweite Proteste brutal niederschlagende Percy adoptiert werden, ein eitler Geck mit silbernem Brustpanzer – von Michi Wischniowski als echter Macker, also strohdoofer Haudrauf gespielt. Nachdem er Harri zum Duell gefordert und das mit dem Tode bezahlt hat, verfällt der Herrschersohn der Verführungskraft der Macht, tänzelt auf den Thron und wird von Falstaff – „ich „hirnverbrannter Hoffnungs-Honk“ – in liebesenttäuschter Umarmung erwürgt.
Vom Redner- zum Täterrebell geworden, dafür bestraft er sich suizidal. Es folgt die Moral-von-der-Geschicht’-Erzählung. Das Ensemble fordert an der Rampe, dass das, „was die Regierung Heinz vergiftet und verwandelt hat / im Land / den Körpern / uns / zurückverwandelt werden kann / wir möchten / müssen / glauben dran“. Wo die Hoffnung herkommen soll auf eine Zukunft demokratischer Rechtsstaaten, bleibt allerdings unklar, nachdem sich der letzte spaßvogelige Zynismusverweigerer selbst eliminiert hat. Aber das in seiner Vitalität spektakulär präzise Ensemble sorgt in der ästhetisierten Schwärze für einen umjubelten Saisonstart.
