Foto: Jack the Ripper treibt sein Unwesen. © Matthias Jung
Text:Guido Krawinkel, am 19. April 2026
„The Lodger“ von Phyllis Tate feiert an der Oper Wuppertal in einer Inszenierung von Greg Eldridge Premiere. Ein Abend voller spannungsgeladener Musik, der vor allem durch sein Ensemble zu glänzen weiß.
Den Briten wird gerne nachgesagt, immer Stil und Fassung zu wahren, egal ob in der Schlange am Bus, beim Afternoon-Tea oder angesichts sonstiger Katastrophen. Es geht immer weiter. Hauptsache stilvoll. So gesehen ist Greg Eldridges Inszenierung der Oper „The Lodger“ von Phyllis Tate very British: Sie ist ungeheuer stilvoll, alle wahren die Fassung (na gut, bis auf den Mörder…) und am Ende vergehen spannende zweieinhalb Stunden wie im Flug.
Historische Details
Die 1987 gestorbene Tate war wohl eine der bedeutenden britischen Komponistinnen des 20. Jahrhunderts. Hierzulande spielt sie allerdings keine besondere Rolle. Nur ihre Oper „The Lodger“ wird von Zeit zu Zeit inszeniert, zuletzt 2018 in Bremerhaven. Nun hat sich das Theater Wuppertal Tates bekanntestem Opus angenommen. Der australische Regisseur Greg Eldridge lässt die Geschichte stilecht und detailgenau im 19. Jahrhundert spielen. Bühne (Alyson Cummins) und Kostüme (Evelien van Camp) sind typisch für diese Zeit.
Der Spiegel über dem Wohnzimmerkamin ist angelaufen, die Tapete vergilbt, die Atmosphäre auf den Straßen düster. Das liegt zweifelsohne auch an der Story, hinter der sich kein anderer als Jack the Ripper verbirgt. Jener legendäre Frauenmörder, der nie gefasst wurde. Dieser zieht bei George und Emma Bunting als Untermieter ein, wird von der Hausherrin intuitiv durchschaut und scheint am Ende gar geläutert. Ob er das Morden aber wirklich einstellt? Das bleibt Spekulation, gehört aber zu der dezidiert weiblichen Perspektive, aus der Tate die Geschichte erzählt.

Das Wohnzimmer der Familie Bunting. Foto: Matthias Jung
Fabelhaftes Ensemble
Eldridges Inszenierung arbeitet mit dem zeittypischen Ambiente und reichert selbiges mit filmischen Details an: Einblendungen wie beim Stummfilm und modernen Grafiken, die szenische Details illustrieren. Ein auch in der Partitur vorgesehener Erzähler (Alexander Wulke) führt von Zeit zu Zeit in die Handlung ein und kommentiert diese. Das macht alles in allem einen insgesamt stimmigen Eindruck. Darüber hinaus geht es jedoch nicht. Der Regisseur setzt die Geschichte recht originalgetreu um, das ist absolut gelungen, dabei bleibt es dann über weite Strecken aber auch. Die doppelbödige Spannung entsteht im Wesentlichen durch die dramatische Musik und das großartige Ensemble. Trotzdem ist diese Inszenierung sehenswert. Sie nimmt das Stück, wie es ist. Sie stülpt ihm nicht einfach eine unter Umständen weit hergeholte Interpretation über. Dass das gelingt, ist wie gesagt der Verdienst der vom Publikum einhellig gefeierten Besetzung. Gesungen und gespielt wird an diesem Abend nämlich ausgezeichnet.
Allen voran ist hier Edith Grossman als Emma zu nennen. Grossmans ausgewogener Mezzo hat enormes dramatisches Potential ebenso wie feine lyrische Qualitäten, die die Sängerin nicht zuletzt durch ihre darstellerischen Fähigkeiten sicher einzusetzen weiß. Andrew Nolen als ihr Gatte taut mit kultiviertem Bass auch bei der Ausformung seiner Rolle zusehends auf. Als Jack the Ripper zeigt Zachary Wilson sowohl baritonale Grandezza als auch die ganze Bandbreite des (vokalen) Wahnsinns. Denn der Ripper ist in Tates Oper ein fehlgeleiteter Fanatiker, was Wilson in seiner Darstellung der Figur sehr gelungen herausarbeitet. Darüber hinaus hinterlassen auch Marianna Ortugnos als Daisy und Merlin Wagner als ihr Verlobter ebenso wie der von Ulrich Zippelius einstudierte hauseigene Opernchor einen ausgezeichneten Eindruck.
Wie im Film
Tates Musik kann man im besten Sinne als polyglott bezeichnen. Der Bruch zur Moderne verlief auf der britischen Insel bei weitem nicht so krass wie auf dem Kontinent, was sich nicht zuletzt in einer stilistischen Versatilität äußert, die keine Angst vor modernen Klängen hat, gleichzeitig aber sangliches Repertoire produziert. Tatsächlich hat Tates Musik auch durchaus filmische Qualitäten, die die Suspense-Elemente des mörderischen Gruselschockers angemessen unterstreichen, ohne allzu penetrant oder redundant zu sein. Zudem treibt die Musik die Handlung zuweilen regelrecht vorwärts, setzt pointierte Akzente und bleibt trotz aller Modernität auch für Otto-Normalhörer doch immer nachvollziehbar. In Händen des Sinfonieorchesters Wuppertal, das von Yorgos Ziavras souverän durch den Abend geführt wird, blüht Tates Musik regelrecht auf und wirkt nicht minder packend als die Handlung. Insgesamt also ist „The Lodger“ von Phyllis Tate eine durchaus runde und stimmige Angelegenheit. Prädikat: Sehenswert.