Wobei wir erstaunlicherweise zunächst mal einige Sympathie entwickeln dürfen für diesen ganz auf die Lust am Besitz fixierten, extrem knickerigen Groschenzähler, Donald Ducks literarisch-theatrales Vor-Bild – Harpagons Kinder nämlich sind alle ein Alptraum für sich an Geldverschwendung. Jedenfalls hat Tobias Wartenberg sie in die entsprechend schreiend bunten Klamotten gesteckt – da tun die Augen weh! Wenn der Geizkragen von Papa nur diese beiden stoppen wollte, wäre ihm einiges Verständnis sicher, wie verschroben die Marotten des Alten sonst auch sein mögen. Überall wähnt er sich beklaut – und tatsächlich stibitzt ja La Fleche, Diener des spendablen Sohnes, kurz vor Schluss tatsächlich jene sagenhafte Kassette, die Herrn Harpagons ganzer Lebensinhalt ist.
Dieser geschundene, geprügelte, mit blauen Flecken übersäte La Fleche ist bei Ulrich K. Müller einer der starken Partner von Harpagon selbst, den Bernd Färber ziemlich grandios als spitznasigen Mäusekönig in härenem Mantel zeigt; rätselhaft verwegen nimmt sich daneben auch Alexander Wulke aus als des Geizigen Diener Jaques – er, niemand sonst, scheint Herrn Harpagon zu mögen, obwohl der ihn knechtet als Koch und Kutscher und sicher noch vieles mehr. In diesem Männer-Trio lauern auch nach Jahrhunderten einige Tücken und Fallen des Stückes – derweil der über- oder unterkandidelte Rest der Familie, unterstützt von der Kupplerin Frosine, vor allem mit dem Kampf um das Recht auf Liebe befasst ist. Weil sich mit der Enttarnung des feinen Herrn Anselme die Beziehungs- und Familien-Muster schließlich wundersam klären, geht alles gut aus. Und Herr Harpagon bekommt die Geliebte zurück: seine Kassette. Nur dass sie plötzlich ganz unnatürlich leicht ist – ist sie etwa leer?
Latchinian zeigt viel Commedia dell’arte im Molière-Material, er typisiert das Personal stark; und wenn Herr Harpagon vor der Pause mitteilt, dass jetzt eine große (und potenziell teure) Szene „eingespart“ würde, hat er die Lacher auf seiner Seite. Überhaupt bekommt der streitbare Rostocker Hausherr viele gute, solidarische Worte von all denen, die weiter ein Theater wie dieses wollen in der Hansestadt. Beunruhigend muss aber auch die Zahl derer wirken, die das alles nicht mehr interessiert nach so vielen Jahres der Wirrnis – in der Premiere war das Haus zu kaum mehr als der Hälfte gefüllt. Da bleibt noch viel zu erobern.
