Das Ensemble steht sich vor antik aussehenden Säulen gegenüber. Das eine Team ist blau (links), das andere rot (rechts) angezogen.

Laufschuh-Satyrspiel

Philipp Löhle: Die Erfindung der Schuhe

Theater:Staatstheater Nürnberg, Premiere:22.10.2026 (UA)Regie:Philipp Löhle

Am Staatstheater Nürnberg inszeniert Philipp Löhle die Uraufführung von „Die Erfindung der Schuhe“ als von „Asterix“ inspiriertes Lachtheater über die Brüder Adolf und Rudolf Dassler.

Mit schöner Regelmäßigkeit bringt es Philipp Löhle auf zwei neue Bühnentexte im Jahr, die er gern auch selbst inszeniert. Auf „Inventur“ am Staatstheater Regensburg im Frühjahr folgt jetzt für das Staatstheater Nürnberg das spektakuläre Regionalfestspiel „Die Erfindung der Schuhe“: Die fulminante Erfolgs- und Hassgeschichte der sich verfeindeten Brüder Adolf („Adi“) und Rudolf („Rudi“) Dassler ist alle paar Jahre wieder eine Adaption wert – so im Fernsehfilm „Duell der Brüder – Die Geschichte von Adidas und Puma“ von Oliver Dommenget aus dem Jahr 2016.

Überraschung im Schauspielhaus

Eine taffe Trend-Regie hätte die Jahrhundertstory über Erfolg und Zwist in sterile Werkräume der Gegenwart verlegt – zum Beispiel in Outlet-Shops, die das Panorama des historischen Zentrums des Produktionsortes Herzogenaurach verunzieren und in denen die Stadt Idylle und Gewinn noch immer ganz wunderbar händelt. Aber nein: Löhle setzt die fränkische Schuh- und Familiensaga nicht in die Aktualität, sondern in eine cartoonistische Vergangenheit. Eine kohärente Dramaturgie gibt es diesmal nicht. Das Programmheft splittert die Historie in anekdotische Kurzinformationen. Auch sonst greift Löhles von „Asterix“ inspiriertes Lachtheater über fränkische Provinzen nach den ganz großen Pathos- und Weihevorbildern der Antike, spart aber Tagespolitisches fast vollkommen aus.

Dafür stellt Löhle die Bruderfehde von Adidas contra Puma in eine Reihe mit jenen von Kain und Abel, Romulus und Remus oder Eteokles und Polyneikes. Auch Thomas Rump und Nathalie Noël schweifen in ihrer opulent wirkenden und dabei ausgetricksten Ausstattung zurück in die Antike. Zum ganz großen Lachschlager wurde die Premiere dennoch nicht, wie man es sich hinter den Kulissen wohl erhofft hatte. Das liegt auch an vielen feinen Witzchen und Seitenhieben à la „Asterix“, die mit sehr derbem Pointenholz abwechseln.

Schlagabtausch

Eine Augenweide ist die Szenerie trotzdem: Der teutonische Tann – aus der Überzivilisation des Mittelmeerraums um die Zeitenwende als barbarisches Gebiet im Schatten des Limes betrachtet – wird gelichtet und weicht einer bescheidenen Villa im römischen Landhausstil mit Säulen und Kapitell. Diese teilen sich die Eltern und die vorerst zänkischen, erst später richtig bissigen Brüder Adilius, der Handwerker, und Rudolfus, das Vertriebsgenie. Später kommen noch die beiden noch bissigeren Ehefrauen Käthemis (Kristina-Maria Peters) und Friedelope (Stephanie Leue) dazu – bei letzterer gilt erst am Schluss „nomen est omen“.

Amadeus Köhli, der als Rudolfus mit Worten und Größe austeilt, gräbt zu Beginn dem erst bescheiden und arbeitsselig wirkenden Alban Mondschein als Adilius den Vorrang ab – immer mit der leichtgeschürzten Lässigkeit dessen, der sich überlegen glaubt. Doch Mondschein holt nach der Pause ordentlich auf, wenn die verfeindeten und schön nach blau und rot separierten Parteien einander durch Schlagworte und Verbalattacken übertrumpfen. Trotzdem nimmt der Abend hier nicht die mögliche Steilgerade.

Sich selbst im Weg stehen

Zu harmlos bleibt die historische Mitgliedschaft beider Brüder in der NSDAP oder einem analogen Schreckensregime. Zu sehr kleben die Dialogfarben an den später immer selbstverliebter wirkenden Flachsätzen, die durch die moderate Gestik der Figuren keine Füllung erfahren. Dass die Brüder Zeitzeugen des Ersten Weltkriegs und Profiteure der Sport-Ambitionen des „Dritten Reiches“ waren, bricht sich mit allzu leichtgewichtiger Düsternis Bahn. Die Andeutungen des NS-Terrors mit der Vorliebe des „Führers“ für Massenaufmärsche und Olympiasiege bleiben stets im braven Rahmen einer bekanntermaßen epochalen Space-Opera des 20. Jahrhunderts.

Möglicherweise will Löhle mit den repetitiven Phrasen auf das hinweisen, was in den letzten Jahren als Sprachverarmung diagnostiziert wird. Aber die gegen Ende trotz engagierten Drucks immer mattere Sprachchoreographie bremst das Spielgeschehen zunehmend aus. Erkennbar wird hier ein im Probenverlauf sicher nicht erkennbares Problem des Asterix-Vorbildes: Sprachliche Distinktion und theatrale Überdrehtheit sollten sich gegenseitig aufpeitschen, domestizierten und blockierten sich am Ende jedoch selbst.

Zu viel Pointenholz

Die große Bühne des Schauspielhauses ist ziemlich voll. Neben den Eltern der Brüder (Stephan Schäfer und Valentina Schüler) marschiert eine ganze Statisterie-Gruppe für den aus der attischen Tragödie übernommenen Chor mit weißen Tuniken und metallenen Gesichtsmasken. Man skandiert Verse in elliptischen Hexametern, bei denen sich Löhle an gymnasiales Bildungsgut erinnerte. Die Maske leistet viel im Detail: Bei den Frauen lösen sich parallel zu ihren schauspielerischen Ausfällen die Strähnen aus dem zuerst adretten Kopfputz. Wie Adilius beim Anblick der Richtung Olympia joggenden „schnellen Helena“ die Idee zu modernen Sportschuhen kommt, wird mit slapstickartiger Schnelle entwickelt.

Das Ensemble und die Statisterie stehen in weißen Gewändern und Masken auf der Bühne und blicken ins Publikum.

Ensemble und Statisterie. Foto: Konrad Fersterer

Der Applaus am Ende ist kräftig. Trotzdem verlässt sich der Abend zu sehr auf Asterix-Pointenholz und vernachlässigt die Möglichkeiten, wo Theater gleichzeitig grob und subtil sein könnte. Der Bruderzwist in Herzogenaurach gewinnt letztlich nicht die mythisch-komödiantische Größe, die durch den gewiss ironischen Vergleich mit Kain und Abel behauptet wurde.