„Der Frieden“ von Peter Hacks am Staatstheater Cottbus. Ein Mann kniet auf dem Boden. Er hat eine weiße Maske auf und hält in den Händen zwei Gefäße, aus denen Rauch aufsteigt.

Brecht x Holzinger

Peter Hacks: Der Frieden

Theater:Staatstheater Cottbus, Premiere:17.10.2026Vorlage:Der FriedenAutor(in) der Vorlage:AristophanesRegie:Christina Friedrich

Den Frieden befreien, obwohl man nur Krieg kennt: Am Staatstheater Cottbus inszeniert Christina Friedrich die antike Komödie „Der Frieden“ von Peter Hacks. Mit den Mitteln des epischen Theaters kreiert sie mit dem kraftvoll spielenden Ensemble einen absurden, bisweilen wirren Abend.

Der Chorführer (Markus Paul) gibt den Takt zum griechischen Tanzreigen vor. Trygaios (Mario Fuchs), seine Töchter und die zwei Sklaven schließen sich an. Mit dem Spielmannszug der Cottbuser Musikspatzen bilden sie einen sich gegenläufig drehenden Außen- und Innenkreis, immer schneller, immer lauter, explodierende Lebensfreude – bis aus der Mitte heraus der fröhliche, ausgelassene Tanz nahtlos in ein menschliches Sirenengeheul übergeht. „Es ist Krieg?“ „Es ist Krieg!“

Die antike Komödie „Der Frieden“ von Aristophanes stammt aus dem Jahr 421 v. Chr. Die gleichnamige Überarbeitung des Dramatikers, Essayisten und Lyrikers Peter Hacks (1928-2003) gilt als Meilenstein des DDR-Theaters. 1962 am Deutschen Theater in Ost-Berlin uraufgeführt, endete die Inszenierung Benno Bessons mit einem 45-minütigen Schlussapplaus und der Ratlosigkeit der SED-Führung, wie man sich zu diesem Theaterabend verhalten solle. Wo Aristophanes den Krieg als göttliche Willkür darstellt, sind es bei Hacks die Menschen, die im Krieg ein profitables Geschäft sehen und ihn aktiv am Laufen halten.

Einfach mal machen

Nun existieren ja Konflikte, bei denen keiner der Beteiligten mehr so genau weiß, wer oder was der Auslöser war und wie es eskalieren konnte. So auch im antiken Griechenland, wo die Protagonisten des Peloponnesischen Kriegs Sparta, Korinth, Athen und Megara heißen.

Macht- und hilflos, den Geschehnissen unterworfen, so klagt und zürnt Trygaios gen Himmel gegen die Kriege aller gegen alle. Doch aus der tatenlosen Ohnmacht des bloßen An- und Beklagens heraus findet der rebellische Weinbauer einen Weg ins Handeln zu kommen: Auf einem Mistkäfer fliegt er zum Göttervater Zeus, um den zur Rede zu stellen: Was soll das ganze Elend hier unten? Doch die Götter haben schon lange die Schnauze voll vom menschlichen Gebaren und sind in ihren Gefilden ein paar Stockwerke weiter nach oben gezogen. Lediglich Hermes und der (anthropomorphisierte) Krieg weilen noch im Olymp.

Und siehe da: Trygaios befreit, zusammen mit einem Chor aus den verfeindeten Völkern, die Friedensgöttin Eirene, die zuvor vom Krieg in einen Brunnen gesperrt wurde. Etwas halbherzig zwar, aber immerhin, am Ende gibt es was zu feiern. Einfach mal machen. Alles gut also. Nur nicht für die Profiteure des Krieges…

Skurril, aber nicht satirisch

Besson, Schüler Bertolt Brechts, setzte damals in seiner Inszenierung auf die Mittel des epischen Theaters. Am Staatstheater Cottbus greift Regisseurin Christina Friedrich diese Linie auf und setzt ebenfalls auf Verfremdungseffekte. Wild zusammengemixt wirken da nicht nur die Kostüme von Susanne Uhl (vom Kriegs-Wrestler zum Rauschgoldengel-Hermes). Musikalisch schwingt der Spielmannszug „Cottbuser Musikspatzen“ stetig zwischen Kampfgetöse und volkstümlicher Feierstimmung. Die gesanglich starken Momente durchbrechen das Zusammenspiel aus erzählender und performativer Handlung. All das führt tatsächlich dazu, dass das Ein- und Mitfühlen in die Figuren missglückt und die Handlung auf Distanz bleibt – zugleich aber auch nah am Kontrollverlust entlangschrammt. Etwas Komödiantisch-Leichtes entsteht so schwerlich.

Der wrestlende Krieg (Jonas Schlagowsky) sitzt auf einem Strohpferd und Rauschgoldengel Hermes (Daniel Séjourné) steht bedröppelt da. Foto: Frol Podlesnyi

Antriebsmotor ist das enorm kraftvoll spielende Ensemble, das sich den Text körperlich wie sprachlich auf skurrile Weisen einverleibt. Sowieso ist es eine sehr körperliche Produktion mit ausdruckstänzerischen Opferriten und Selbstbefriedigung direkt an der Rampe. Weswegen man sich bei der Friedensgöttin Eirene (Charlotte Müller) stark an (eine leicht ergraute) Florentina Holzinger erinnert fühlt, wie sie da so fasernackt im Fluggeschirr kopfüber aus dem Brunnen gezogen hereinschwebt. Holzingers „Body Suspension“ samt rückendurchbohrenden Haken lässt Friedrich aber netterweise aus.

Zwischen Frieden und Krieg ist nur ein Tanz

Nach der Pause scheint sich dann nicht nur die gute Tat des Trygaios ins Gegenteil zu verkehren. Statt erwarteter Lobeshymnen für seine Friedensmission erntet er den Zorn derer, deren Geschäft der Krieg ist. Dabei verrutscht das bis dato austarierte Zusammenspiel ins Überdreht-Anarchische. Unter den Schweinskopfmasken sind die Spieler:innen extrem schlecht zu verstehen. Der entfesselte Tumult auf der Bühne wirkt fahrig inszeniert. Und man fragt sich, wer in Gottes Namen die drei abgedreht-enthemmten Töchter des Trygaios (durchdringende Präsenz: Charlotte Müller, Nathalie Schörken und Sophie Bock) von der Leine gelassen hat. Hier kommt ein übrigens schön spitzer Kommentar Charlotte Müllers (an deren Nacktheit meine Sitznachbarin schwer zu verdauen hatte), die sich herrlich trocken über die „Nacktheit“ des Waffenkrämers und des Helmschmieds (beide in Unterhose) mokiert („Ich finds widerlich“). Wie beiläufig man doch Geschlechter-Gos und -No-Gos kommentieren kann.

Am Ende schwillt der Krieg wieder heran. Aus der stillen Reinigung nach dem Gewitter beginnt die aufpeitschende Spirale von vorn. Erst zaghaft ermutigt, dann lustvoll Fahrt aufnehmend, immer rasanter kreisen alle umeinander. Ein Sog. Die Bläser und Xylophone des Spielmannszuges klirren und scheppern, die Pauken dröhnen und donnern. Ist das noch Freude oder der Beginn von Aggression und Gewalt? Und Eirene schwebt aufs Neue herein, kopfüberhängend, in ihren letzten Zügen zuckend. Die Menschen werden es wieder und wieder und wieder vermasseln.