„Theater ist Frauensache!”

Oliver Bukowski / Florian Hein: Für mich bitte Wasser / Im Mond­schein. Prolog/Feier /Epilog

Theater:Neue Bühne Senftenberg, Premiere:21.10.2026 (UA)Regie:Mirko Böttcher/FlorianHein

Zum 80. Geburtstag der Neuen Bühne Senftenberg gibt es gleich zwei Uraufführungen an einem Abend: Florian Heins „Im Mondschein“ und Oliver Bukowskis „Für mich bitte Wasser“. Ein Theaterfest zwischen regionaler Utopie und Sinnkrise des Theaters.

Riesiger Jubel bricht los, als der große Reispapier-Mond zum optimistischen Schluss alle Mitwirkenden in tiefes Pink flutet. Das sind nicht wenige: Götterbotinnen, Gleisarbeitende, Seniorinnen sowie der Stadtchor Lauchhammer, der Konzertchor Senftenberg und nicht zuletzt die volle Belegschaft der Neuen Bühne. Der Gesamteindruck für die beiden FestSpiel-Uraufführungen an einem Abend ist groß, warm pulsierend und fürwahr zeitgemäß. Überdies zeigt das Jubiläum zum 80-jährigen Bestehen am Beginn der letzten Spielzeit von Intendant Daniel Ris eine hintergründige wie listige Verehrung der großen Vergangenheit des früheren Theaters der Bergarbeiter. Wie man sich opulent, achtsam und liebevoll feiert, können weitaus größere Bühnen hier lernen. Jedermann erwartete ein Fest – und bekam es.

Ein Haus und sein Publikum

Die Reaktion des Publikums im vollbesetzten, 294 Plätze fassenden Theater der 25.000-Einwohner-Stadt ist am Premierenabend fulminant. Das Treiben in den Räumen zeigt sich äußerst bewegt. Von den Jubiläumstorten bekommen alle mindestens eine Schnitte ab. In einer Sitzgruppe kann man alte Inszenierungen von VHS-Kassetten gucken. In einer anderen stehen Ordner mit Programmheften aus den letzten 40 Jahren. Dass nichts von diesen Archivschätzen angekettet oder anders vor Entwendung geschützt ist, zeugt von immensem Vertrauen des Theaters in sein Publikum. In einem mit rührender Detailtreue gestalteten Fundusraum gibt es Videogrüße von dem Haus verbundenen Menschen. Imposant ist auch eine Wand mit 80 Fotos für 80 Theaterjahre seit dem 21. Oktober 1946. Der kurz nach dem Mauerfall fertiggestellte Theaterbau für das kleine DDR-Nobelensemble spornt bis heute an. Einen eindrucksvolleren Dringlichkeitsbeweis für die Bedeutung von Kultur in vom Wandel essenziell geforderten Regionen gibt es schwerlich. Die Neue Bühne Senftenberg und ihr Publikum sind mit starken Wurzeln und sensiblen Fäden ineinander verwachsen. Das sieht man auch im Foyer, wo Ex-Intendant Sewan Latchinian nach seiner Eröffnungsrede von langjährigen Besuchern in herzliche Kurzgespräche verwickelt wird.

Utopie im Mondschein

Regionale Utopie und die Sinnkrise des gegenwärtigen Theaters sind in den beiden Uraufführungen eng verwoben. Es wirkt, als hätten Goethes „Faust“-Vorspiel auf dem Theater und die Apotheose am Ende von „Faust II“ die Autoren inspiriert. Erst kommt Florian Heins Prolog zu „Im Mondschein“. Dann folgt Oliver Bukowskis „Für mich bitte Wasser“ – ein sarkastisch-burlesker Zerrspiegel über alle Ismen, die das Theater sich derzeit in bulimischen Fressattacken einverleibt und ausspuckt. Nach der Pause folgt Heins antikisierende Feier „Im Mondschein“ mit utopisch-romantischem Epilog. Hein erweist sich als Gesamtkunstwerker, der Profis und Laien, Antike und Postmoderne, Rituale und Individuen zusammenführt:

Szene aus „Im Mondschein”. Foto: Steffen Rasche

Wie ein williger, aber ahnungsloser guter Geist kommt Lena Conrad als elfenhafte Quincy in die frühere Bergbau- und heutige Seenlandschaft. Dort erfährt sie vom Gleisarbeiter Bertolt (sympathisch kernig: Mirko Warnatz) vieles über die Menschen, ihre Wünsche und Sorgen. Hein erzählt mit der poetischen bis trendigen Ausstattung von Konrad Walkow über absurde Investments, gut beobachtete Alltagsimpressionen und Wünsche an die Zukunft ein Märchen, das die gegenwärtigen Herausforderungen nur zu deutlich fixiert. Dass es nach weiteren 80 Jahren in der Region neben dem Theater auch immer noch Kinder geben wird, ist ein sehr aussagekräftiger Wunsch der im Epilog einzeln vortretenden Mitwirkenden. Der Schlussapplaus für die Ensembles, die Gewerke und die Bürgerinnen und Bürger ist auch eine innige Bestätigung der Verbundenheit zur Neuen Bühne. Diese Verbundenheit zeigt sich nicht sentimental, sondern äußerst wach.

Für mich bitte Sinnsuche

„Wer nicht denken will, muss fühlen.“ Es ist egal, welche der von Denkpflichten überwältigten Figuren das sagt. Sie alle schaffen in Bukowskis „Für mich bitte Wasser“ nicht den Sprung vom Firmament der visionären Herausforderungen auf den Boden des realen Spielbetriebs. Dass im Ensemble gerade beim hehren Versuch der Wertschätzung die gröbsten Schnitzer und Verletzungen herausrutschen, verhandeln Dramaturg Peter (eloquent, aber figurenbedingt leicht verpeilt: Janus Torp) und die Choreografin Vera (Marianne Helene Jordan). Bukowskis Text ist weniger Eigenschöpfung als eine Sammlung aus Worthülsen und Positionierungsfetzen.

Gerade deshalb empfiehlt er sich zum derzeit überall gültigen Gebrauch an anderen Theatern. Denn Bukowski erzeugt flächendeckende Ratlosigkeit und eine groteske Komödiantik, die Mirko Böttcher in seiner Regie mit kluger Spannung fördert. Da geht es nicht mehr wie in Frayns „Der nackte Wahnsinn“ um Kämpfe gegen widrige Aufführungsgegebenheiten, sondern um kontraproduktive Zermürbung durch Exaltationen eines ehemals selbstbestimmten Denkens und unerfüllbare Anforderungen. Die Suche nach dem Sinn von Theater ohne Verkrampfung ist längst nicht mehr auf Haupt- und Kulturstadtbühnen begrenzt; sie hat sogenannte ländliche Räume wie das Lausitzer Seenland inzwischen erreicht.

„Theater ist Frauensache!”

Bei Bukowski treten die Dragqueens (Karsten Zinser, Richard Fuchs) das Erbe der Shakespeareschen Narren an. Sie bilden da die neue Normalität, wo das früher Selbstverständliche erodiert. Zudem setzen sie sich in kluge Distanz, wo andere am Unerfüllbaren straucheln. Besonders zynisch und zugleich eine Liebeserklärung Bukowskis an das Senftenberger Publikum ist eine Figur: Sybille Böversen weiß als Helga, die „treueste Dauerabonnentin“, mehr über die Wirkungsschrauben von Theater als die Theatermachenden selbst. Bitter ist jedoch, dass die lebensweise Helga vor der Premiere des FestSpiel-Auftragsstücks im Stück stirbt. Ihre Theorie – und damit Bukowskis infame Genderkratie – steht weiterhin im Raum: „Theater ist Frauensache!“ Denn nur Frauen haben – gestählt durch Mutterschaft und andere erlittene Peinlichkeiten – die nötige Resilienz, um den Firlefanz heutiger Bühnenangebote auszuhalten und gut zu verdauen.

Mit ätzender Lustigkeit, passionierter Energie und einer Poesie aus realer Relevanz steht zu all dem die magische Jubiläums-„80“ im Zentrum – auch im Bühnenbild von Flavia Schwedler. Silber und Pink sind die Hauptfarben für das FestSpiel aus Ernst, Persiflage und Empathie. Theater wird in Senftenberg zur Bestätigung eines bewundernswerten Gemeinschaftsgeists, der aus sauren Zitronen süße Limonade macht.