Eva Bay, Maren Solty, und Stefan Merki stehen in einer Dreiergruppe und starren ins Publikum. Vincent Redetzki zeigt anklagend in diese Richtung.

Sich suhlen im Debatten-Sumpf

Nora Abdel-Maksoud: Wokey Wokey

Theater:Münchner Kammerspiele, Premiere:27.03.2026 (UA)Regie:Nora Abdel-Maksoud

Die Autorin und Regisseurin Nora Abdel-Maksoud beweist mit der Uraufführung von „Wokey Wokey“ an den Münchner Kammerspielen erneut, dass sie die unangefochtene Meisterin im Diskurstheater ist und wie unglaublich lustig es sein kann, diesem Etwas namens Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten.

Gordon kennt sich aus mit gefährlichen Stoffen. Sie hat Karl May verfilmt, Michel Houellebecq, Juli Zeh. Sie hat die Figur „gutmütiger Brummbär-Nazi, der aber im Kern ein gutes Herz hat“ im deutschen Film etabliert. Nun soll – oder vielmehr sollte – ihr „Opus Magnum“ folgen: George Orwells „1984“ als Musical. Schließlich gehört „der deutsche Film den Bürgern, nicht den Kultureliten“. An ihrem Set gibt es nicht „Krisi Krisi“, da sind „alle weiß und nett“ (und nicht nur, weil es sich reimt). Da gibt es keinen Intimacy-Coach, keine Diversity und keine Identity. Da wird nicht gegendert und Gott ist und bleibt ein alter weißer Mann.

Und weil wir 2026 haben, überwacht Orwells „Großer Bruder“ hier die woke Gesinnung und organisiert „Drag-Lesungen, um schon die Kleinsten mit kindeswohlgefährdenden Identitätskonstruktionen zu indoktrinieren“. – Die Autorin Nora Abdel-Maksoud wagt sich in ihrem neuen Stück „Wokey Wokey“, das sie nun an den Münchner Kammerspielen inszeniert hat, wieder mal in die Sümpfe der Debattenkultur, suhlt sich mit allergrößter Lust im ideologischen Dreck.

Moïra Gilliéron hat eine Art begeh- und bespielbare Filmleinwand im Breitwandformat ins Schauspielhaus gebaut. Einen Kasten, der den Bildausschnitt vorgibt, den das Publikum zu sehen bekommt. Wie formuliert Gordon es doch? „Film ist immer Manipulation. Die Lüge beginnt schon bei der Entscheidung für einen bestimmten Bildausschnitt.“ In diesem Kasten nun tauchen die Spieler:innen wie im Kasperl-Theater von unten aus dem Nichts auf und verschwinden dort wieder, wenn sie ihren Teil gesagt haben. Oder einfach nicht weiterwissen.

Bitterer Witz und exaktes Timing

2017 hatte Nora Abdel-Maksouds „The Making-of“ am Berliner Gorki-Theater Premiere. Damals ging es um eine Filmregisseurin, die ein Superhelden-Remake drehen wollte und mit Rollenbildern abrechnete, die nicht gut gealtert sind. Nun also erneut das Making-of eines gescheiterten Films. Gordon, „der Regisseur“, der nicht einmal sich selbst gendert, obwohl Johanna Eiworth ihn ungeheuer weiblich spielt und ihre frisch geföhnten Haare kokett in den Nacken wirft, fragt sich, wie dieses grandiose Projekt schiefgehen konnte.

In Rückblenden sieht das Publikum das vierköpfige Film-Ensemble in einem kalten Hangar irgendwo in Brandenburg mit sich, den ideologischen Herausforderungen des Projekts und dem Hunger kämpfen (ist schließlich eine Low-Budget-Produktion). In diesen „Hangar Games“ kommt alles ans Licht. Da prallt aufeinander, was nicht zusammengehört. Und es gibt mehr als eine handfeste, slapstickartige Prügelei.

Johanna Eiworth, Stefan Merki, Vincent Redetzki, Maren Solty und Eva Bay ziehen alle streitend an einem Stab.

Rangeleien auf der Bühne. Foto: Judith Buss

Nora Abdel-Maksoud hat nicht nur ein Händchen für bitteren Witz, sondern auch für exaktes Timing, Tempo und die perfekte Besetzung. Neben Eva Bay, Stefan Merki und Vincent Redetzki, die schon in mehreren ihrer Stücke zu sehen waren, brillieren hier Maren Solty und Johanna Eiworth. Diese startet als Gordon eine faszinierende Charme-Offensive. Sie entscheidet, „welche Wahrheit Premiere hat“. Sie weigert sich, „im Namen der Wokeness Treibjagden auf alte, weiße Genies zu veranstalten“. In ihrem Film werden im Untergrund Guerilla-Krippenspiele organisiert, um den Drag-Lesungen etwas entgegenzusetzen und die Kinder „aus ihrer ideologischen Verwirrung zu retten“.

Mechanismen der Eskalation

Stefan Merki ist Ulli, der Hauptdarsteller, „ein Mann ohne they/them“. Ulli war das erste Opfer deutscher Cancel Culture. Er durfte weder die Sophie Scholl spielen noch eine Rolle in „Buena Vista Social Club“ übernehmen. Merki spielt diesen Mann, der sich seine eigene Welt schafft, so präzise, dass es eine Freude ist. Da stimmt jeder Satz, jeder Ton, jeder Gesichtsausdruck. Eva Bay spielt Birgit, die Grande Dame des deutschen Films, die sich nach dem Tod ihrer Eltern auf eine Forschungsstation in der Antarktis zurückzog, für dieses Filmprojekt aber aus dem ewigen Eis zurückkehrte. Sie will alles richtig machen. Unter Tränen versichert sie, nicht rechts zu sein, nur weil sie Wokeness kritisiere. Sie war auf Demos und liebt sudanesisches Essen. In einem grandiosen Monolog pocht sie auf ihren Antifaschismus, rutscht aber immer wieder in Höcke-Zitate.

Und dann wären da noch Maren Solty und Vincent Redetzki. Die beiden sind Lennart und Günni, ein phänomenal komisches Duo, und gönnen sich jede Menge Eskalation. Zunächst treten sie als „genderfluide Kunststudierende“ auf, die gegen die von Ulli und Birgit verkörperten „marginalisierten, antiwoken Nonkonformisten“ kämpfen. Im Laufe des Stücks verwandeln sie sich aber in knallharte Nazis, die das Set von rechts unterwandern. Auch sie mögen „Ausländer, die lecker kochen“. Aber haben wir nicht alle „einen kleinen Nazi im Herzen“?

Was Nora Abdel-Maksoud hier gelingt, ist mehr als ein entlarvender Blick auf Mechanismen der Eskalation gesellschaftlicher Debatten. Wie keiner anderen gelingt es ihr, das Grauen und das Lächerliche in jedem Moment parallel laufen zu lassen. Dieser Abend ist wahnsinnig lustig, aber auch wahnsinnig böse. Er deckt schonungslos auf, wie Hass entsteht und angefeuert wird. Wie wenig uns das alles einer Lösung näherbringt und wie ein Unrecht neues hervorruft. Weil dem Menschen eben eines innewohnt: „der instinktive Tritt nach unten“.