Kunterbuntes Spaßprogramm
Der Einstieg mit vollem Karacho macht gleich Glanz und Problem der Umsetzung deutlich. Wer in rasendem Sprechtempo mit bissig-bösem Pointenfeuerwerk, vulgären Ausrastern, rüder Zickigkeit, puffärmeliger Comicpuppenlustigkeit, betonierten Turmfrisuren und schrillschraubig hochgetunten Klischees einsteigt, hat sofort die Sitcom-Lacher auf seiner Seite, aber keine Steigerungsmöglichkeiten mehr. Und so versucht Regisseurin Claudia Bauer mit gutem Timing das Energie-Level permanenter Eskalation hoch zu halten. Dazu werden noch Gags addiert. Wenn die Präsidenten-Schwester Bernadette (Bettina Stucky) behauptet, Verstopfung zu haben, irrlichtert sie mit einer Nebelmaschine über die Bühne und pustet Flatulenz-Wölkchen in die Luft. Bauer inszeniert Showdowns mit Papppistolen, Drogenrausch in Zeitlupe und lässt das Wort „Stille“ schreien. Usw. im kunterbunten Spaßprogramm. Dazu bringt „DJ Pro Zeiko“ das Darstellerinnen-Septett zum Tanzen und Singen.
Jede Figur extemporiert ein eigenes gestisches Vokabular, das männliches und weibliches Posing vereint und mit fast jedem Halbsatz wechselt. Das sieht teilweise aus wie bei Inszenierungen von Herbert Fritsch, erobert nur nicht so dynamisch den Bühnenraum, weil die „Schattenpräsidentinnen“ ihre Körperexaltationen aus dem Stand heraus feiern.
Angst vor der Alternative
Die Szenen sind wie Runden beim Boxen angekündigt, weil nicht in feministischer Solidarität miteinander agiert, sondern gern gegeneinander gekeift und einander beschimpft wird – etwa als „dominante Kuh“ oder „Kleinkind im Klimakterium“. Diese Auseinandersetzungen kommen allesamt als rein äußerliche Virtuosennummern daher, was den Abend trubelig bewegt, aber nicht lebendig macht. So dass ein überdreht stilisiertes Bild des Phänomens entsteht, dass hochkompetente Multitasking-Frauen freundlichtuerisch devot vor Vertretern des Patriarchats auftreten und inkompetente männliche Hierarchien bedienen, also als Komplizinnen ihre Macht bestätigen, festigen, ausbauen. Und sich untereinander auch nach ihren Regeln verhalten. Was die Autorin geradezu höhnisch kritisiert. Nur fehlt leider in der pausenlosen Aufführungshysterie jedwede Einlassung, warum Frauen sich so unter-, einordnen, welche Sehnsüchte sie treiben.
Im Stück tritt der Präsident nie auf, nur einmal baumeln seine Beine ohnmächtig aus einer Kiste. Aus dem Gerede über ihn purzeln Anspielungen auf die sexuellen Übergriffigkeiten eines Bill Clinton, in Trump-Verweisen wird er als geistig-moralischer „Idiot“ dargestellt, aber auch als beliebt beschrieben, weil er vielleicht die Ausstrahlung eines Barack Obama hat. Da widerspricht Bernadette: „Sie lieben ihn nicht, sie haben nur Angst vor der Alternative.“ Wer das sei? „Wir!“ Das versucht die Regie zu betonen. Mehrmals taucht schon im Text die Frage auf, warum nicht die Frauen, die den Laden so brillant schmeißen, ihn auch leiten. Womenpower for president. So wird dann auch überlegt, den Präsidenten aus dem Weg räumen. Der gezielte Wurf mit einer Büste der Suffragette Alice Paul hat fast Erfolg.
Als die Stabschefin erfährt, ihr Chef wolle sie rausschmeißen, weil sie völlig zurecht für den Kopf hinter seiner Politik vermutet würde und die „einzige Möglichkeit, zu zeigen, dass das nicht stimmt, wäre sie zu feuern“, wird es ruhig auf der Bühne. Die Frauen raufen sich zusammen, sehen zwar noch einen „fotzigen Morgen“ dämmern, aber singen: „I got nothing to lose“. Ja, sie müssten jetzt nur aufhören, ständig den Präsidenten zu retten, der sie nicht ernst nimmt. Sie müssten boykottieren, revoltieren. Was haben sie schon zu verlieren außer ihr üppiges Salär. Und weil der Abend dank des fabelhaften Ensembles so fidel amüsiert, kommt auch die Botschaft an. Reichlich Begeisterung im Schauspielhaus.
